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EINLEITUNG: EINE KLEINE KRIEGSBERICHTERSTATTUNG

Illustration: © Japan Inc Communications

Illustration: © Japan Inc Communications

Die latent aktuelle Urheberrechtsdebatte ist ein Gebilde, das an Krieg erinnert. Zwei Seiten stehen einander gegenüber, jede hat ihre streng abgegrenzte Ideologie und bekämpft die andere mit Mitteln der Propaganda.
Das ist natürlich eine starke Vereinfachung einer komplexen Diskurssituation, die durchaus auch differenzierte, kritische Standpunkte erlaubt. Letztere scheinen aber – mal mehr, mal weniger – ein Underdog-Dasein zu fristen.

Das umso mehr, je aktueller gerade der jüngste Schlag einer der beiden „Seiten“ ist. Jetzt ist gerade ein guter Zeitpunkt, dieses Phänomen zu beobachten, da der bekannte deutsche Musiker und Autor Sven Regener ein sehr schönes Beispiel für so einen „Schlag“ abgeliefert hat. Kurz zusammengefasst: in einer gut fünfminütigen Polemik (Terminologie: „Wutrede“, „Instant-Pamphlet“) in Form eines Radiointerviews auf BR2 rechnet Regener mit großen Internetkonzernen (insbesondere Google/Youtube) ab, da diese von frei angebotenem Content profitieren würden, auf den sie gar keinen Anspruch hätten, und darüber hinaus auch mit den Usern der Internetgeneration, da diese den Künstlern „ins Gesicht pinkeln“ würden, weil sie kein Bewusstsein dafür hätten, dass Urheber Anspruch auf Bezahlung für ihre Leistung hätten. Ein Seitenhieb auf die Piratenpartei geht sich dabei dann auch noch aus.

Das aktuelle Schlachtgetümmel in diesem „Krieg“ stellt sich nun wie folgt dar: in einer Lawine von Zeitungsartikeln, Blogeinträgen und Forendiskussionen werden altbekannte Positionen wiedebesetzt und verteidigt, ohne dass auf beiden Seiten Land gewonnen, oder sich die Fronten aufweichen würden. Ein Artikel in der Online – Ausgabe der Welt fasst ein paar der Standpunkte beider Seiten exemplarisch zusammen, und schließt nach einem Absatz über Regener-Gegenpositionen mit dem bezeichnenden Satz:

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Fürsprecher des Urheberrechts kontern.

Der Diskurs passiert hier also in erster Linie auf der Ebene von Angriff und Gegenangriff, Attacke und Konterattacke. Die Diskussion schafft es nicht auf eine Sachebene, da auf beiden Seiten stark emotional aufgeladene Begriffe und Formulierungen verwendet werden, und auch die Berichterstattung darüber, was passiert, fasst dies zumeist nur zusammen und versucht oft erst gar nicht, dahinter zu steigen.

WORÜBER WIRD EIGENTLICH GESPROCHEN?

Einige der zentralen Begriffe dieses Diskurses will ich hier näher betrachten, es sind: „Raubkopierer“, „Internetpiraten“, „Contentmafia“ und „Raubmordkopierer“. Ich habe bewusst jeweils zwei von jeder der beiden „verfeindeten“ Seiten ausgewählt, und zwar die wohl plakativsten und extremsten Beispiele, weil ich etwas verdeutlichen will. Alle vier dienen zur Bezeichnung der jeweiligen Gegenseite, wobei sich der letzte  („Raubmordkopierer“) bereits auf eine Metaebene begibt und in Form einer zynischen Übersteigerung das Verleumdungspotenzial des Begriffes „Raubkopierer“ thematisiert. Gemein ist ihnen jedenfalls, dass sie versuchen, die jeweilige Gegenseite in ein starkes verbrecherisches Licht zu rücken, welches weit über bloße Kavaliersdelikte hinausgeht.

Die Ursprünge der Begriffe „Raubkopierer“ und „Internetpiraten“ sind mit höchster Wahrscheinlichkeiten irgendwo in der Content – Industrie zu verorten, und sind in den Mainstream – Medien bereits stark etabliert. Die Gegenseite konterte mit „Contentmafia“ als Bezeichnung für die Contentindustrie, und „Raubmordkopierer“ als bereits erwähnte zynische Übersteigerung. In ähnlicher Weise wurde übrigens in Form der „Piratenpartei“ der ursprüngliche  „Internetpirat“ affirmativ in seiner Bedeutung umgekehrt.

„Piraterie“, „Raub(mord)“ und „Mafia“, also mehr oder weniger organisierte Kriminalität, sind somit scheinbar wichtige Rahmenstrukturen für den Kampf um geistige Eigentumsrechte geworden.

Handelt es sich um eine bloße emotionale Übersteigerung? Nein, das würde das Problem auf eine Sammlung rhetorischer Mittel verkürzen.
Viel eher sollte man sich um eine Sichtweise bemühen, welche die ideologische Aufladung von Begriffen zu analysieren versucht. So kann man dann auch zur Frage gelangen: Welche Ideologien und Gegenideologien verbergen sich hinter diesen Begriffen? Woher kommen diese Ideologien?

DER BEGRIFF „KOPIEREN“ ALS BEISPIEL

Der Begriff „Raubkopie“ lässt sich äußerst einfach dekonstruieren, so wie es beispielsweise in digital „aufgeklärten“ Kreisen beinahe schon gebetsmühlenartig gemacht wird: „Kopieren ist nicht stehlen“, wird da ständig wiederholt. Klar, es ist etwas anderes, ob etwas von dem Ort weggenommen wird, an dem der eigentliche Besitzer Zugriff darauf hatte (stehlen), oder ob etwas bloß kopiert wird, also am Ursprungsort verbleibt (kopieren).

Aber: wo führt diese Erkenntnis hin? Für sich alleine lässt sie keine praktischen Rückschlüsse zu, denn wenn kopieren nicht stehlen ist, sollte es ja kein Problem sein, dass jeder denkbare Content frei im Internet verfügbar ist. Ist es aber offensichtlich doch.

Also: Was IST kopieren eigentlich? Regener hat noch nicht einmal verstanden, was es nicht ist. Er zieht im oben genannten Interview in Bezug auf das Problem des Nicht-Bezahlens von Musik im Internet folgenden Vergleich: „[Es ist] eine Frage des Respekts und Anstands […], nichts im Supermarkt zu klauen, selbst wenn man weiß, dass man nicht erwischt wird.“ und begibt sich damit auf jene Argumentationsebene, welche die Contentindustrie schon seit Jahren nicht transzendieren zu können scheint. Aber warum hat er das nicht verstanden? Womöglich hört er viel zu oft, dass er nichts verstehe, weil er zum alten Eisen gehöre, und das ganze wird dann mit emotional aufgeladenen Wendungen und ideologisch belasteten Begriffen ausgeschmückt. Wer würde sich da nicht gleich instinktiv dazu verleitet fühlen, in den Gegenangriff überzugehen?

Wenn die Diskussion etwas mehr in die Tiefe gehen würde, könnte das ganz anders sein, da ein Übergang vom materiell gebundenen Medium (Buch, Schallplatte,…) hin zum materiell ungebundenen Medium (Digitaltechnik) ein grundlegender Paradigmenwechsel ist, der verstanden werden muss, um daraus konstruktiv Schlüsse ziehen zu können und Wege für die Zukunft zu finden, die alle für die Urheberrechtsproblematik relevanten Parteien zufriedenstellen können.

Ich habe den Eindruck, dass auch progressiv denkende Kreise allzu oft dazu verleitet sind, sich ins Schlachtgetümmel zu stürzen, anstatt zu versuchen, Abstand zu gewinnen, und die kritische Denkfähigkeit einzuschalten. Fragen, wie „Was ist kopieren? Woher kommt es, auch historisch betrachtet? Was bedeutet es in verschiedenen Kulturen und Subkulturen?“ wären da zum Beispiel mögliche Ansätze.

Aber auch die verwendeten Terminologien sollten überarbeitet werden, damit sie ihre ideologische Belastung verlieren und neu gedacht werden können. Wenn man zum Beispiel das übersteigerte Kriminalisierungspotenzial aus „Raubkopie“ herausnehmen möchte, könnte man den Begriff auf „illegale Kopie“ reduzieren. Bei weiterem Nachdenken könnte man dann auch noch erkennen, dass „illegale Kopie“ impliziert, dass bestehendes Recht unumstößlich sei, und dass man vielleicht besser auch seine Absolutheit hinterfragen sollte. Dann müsste man es zum Beispiel irgendwie schaffen, „Kopie, die ohne direktes Einverständnis mit dem Erzeuger des Originals angefertigt wurde“ auf ein einziges Wort zu verkürzen, und so weiter.

FAZIT: SPRACHE ALS GRUNDLAGE VON ERKENNTNIS

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
(Ludwig Wittgenstein, „Tractatus Logico-Philosophicus“)

Im Sinne Wittgensteins denke ich, es ist wichtig, ein komplexes Problem zuerst sprachlich zu erschließen, um es überhaupt verstehen zu können, und eine hohe Sensibilität im Umgang mit den verwendeten Begriffen ist hier wichtig. Auf einer so grundlegenden Ebene anzusetzen, ist meiner Meinung nach besonders deshalb nötig, weil – wie an historischen Beispielen gut festgemacht werden kann – der Übergang von einem medialen Paradigma in das nächste während der Zeit des Übergangs angesichts seiner Komplexität von niemandem richtig verstanden werden kann. Das Urheberrecht und das Phänomen „geistiges Eigentum“ sehen somit von hier aus betrachtet einer diffusen digitalen Zukunft entgegen – da sollte man sich zumindest klar sein, was hier passiert, und was „hier“ überhaupt ist.

Wie bereits angekündigt ist meine Diplomarbeit nun online verfügbar, und zwar im Volltext als PDF – Download. Der Download steht am Hochschulschriftenserver „E-Thesis“ der Universität Wien bereit: http://othes.univie.ac.at/7971/

EDIT 04/2010: Die Diplomarbeit ist mittlerweile auch als Buch käuflich zu erwerben: ISBN 978-3-640-57521-3 / Amazon – Link.

Man hat irgendwie schon lange das Gefühl, dass die erbitterten Schlachten, die die Contentindustrie gegen sogenannte „Piraten“ oder „Raubkopierer“ führt, einerseits maßlos übertrieben, und andererseits über kurz oder lang sowieso zum scheitern verurteilt sind. Im Zuge dessen tauchen Fragen auf wie „hat das geistige Eigentum eigentlich heute noch seine Berechtigung?“ und „wie sollen die Produzenten von Kulturgütern eigentlich für ihre Leistungen vergütet werden, wenn ihre Produkte ungehindert und frei im Internet zirkulieren?“ Was nun genau hinter dieser Problematik steckt, lässt sich gar nicht so einfach niederbrechen. Ich habe – wie ich in diesem Eintrag erkläre – einen medienhistorischen Zugang gewählt, um das Problem näher zu beleuchten. Wie und warum das funktionieren soll? Weiterlesen!

Geschichte wiederholt sich, bzw. ist ein zirkulärer Prozess. Diese Aussage sollte man zwar nicht allzu wörtlich nehmen, aber sie hat genau dann ihre volle Berechtigung, wenn man damit bestimmte Muster und Strukturen bezeichnet, die sich unter gewissen Umständen – wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen – wiederholen. Dazu nun ein Beispiel.

Im 15. Jahrhundert wurde nicht nur der Buchdruck erfunden, sondern es etablierte sich gemeinsam damit auch die dezentrale Distributionsstruktur des freien Marktes. Kirchlichen und weltlichen Machthabenden wurde dadurch nachhaltig die hegemoniale Kontrolle über Wisensverwaltung und -distribution Entzogen – restriktive Gegenmaßnahmen wie Zensur und Approbation konnten dies von Anfang an nicht verhindern, doch waren sie etwa 3 Jahrhunderte lang die Einzigen Mittel, welche die Kontrollinstanzen der dezentralen Unterwanderung durch einen unüberschaubaren Informationsmarkt entgegenzusetzen hatten. Erst die Entstehung des geistigen Eigentums im 18. Jahrhundert konnte eine der medialen Situation angepasste Regulierung von Informationsdistribution gewährleisten – freilich hatten sich Kultur und Gesellschaft in der Zwischenzeit auf allen denkbaren Ebenen stark verändert.

Im 20. Jahrhundert wurde nicht nur die digitale Rechenmaschine erfunden, sondern es etablierte sich gemeinsam damit auch eine dezentrale Struktur zur Distribution von Information, bekannt als Internet. Der Kultur- oder Contentindustrie wurde dadurch nachhaltig die hegemoniale Kontrolle über die Distribution kultureller Güter entzogen – restriktive Gegenmaßnahmen wie Rechtsverschärfungen und Klagewellen/Schauprozesse gegen einzelne „Contentdiebe“ und „-verteiler“ unter Millionen konnten dies von Anfang an nicht verhindern, doch sind sie bis heute die einzigen Mittel, welche die Kontrollinstanzen der dezentralen Unterwanderung durch einen unüberschaubaren Austausch kultureller Güter entgegenzusetzen haben. Eine der medialen Situation angepasste Regulierung, welche sowohl Konsumenten als auch Produzenten kultureller Güter zufriedenstellen würde, wird fieberhaft gesucht. Ebenso fieberhaft gesucht wird eine neue Rolle, welche die ehemaligen Distributoren der nun mehr obsolet gewordenen materiellen Informationsträger (Kultur- oder Contentindustrie) unter den neuen Voraussetzungen ausfüllen sollen.

Die Parallelen stechen ins Auge – in beiden Fällen handelt es sich um den Übergang von einem medialen Paradigma zu einem neuen, womit etablierte Strukturen und kulturelle Gewohnheiten umgestoßen werden und gegen das Neue zunächst angekämpft wird, weil es nicht verstanden wird.
Genau dieser Gedanke war wohl der primäre Grund, warum ich eine medienhistorische Herangehensweise dafür gewählt habe, in meiner Diplomarbeit das Phänomen „geistiges Eigentum“ im Zusammenhang mit dem heutigen digitalen Medienparadigma zu untersuchen. Sie verspricht nämlich, aus einer historischen Perspektive Licht in eine Angelegenheit zu bringen, welche kaum verstehbar ist – einerseits in ihrer Komplexität, andererseits deshalb, weil es sich um einen andauernden, noch lange nicht abgeschlossenen Prozess handelt.

Ein erster Eindruck, wie ich in der Arbeit vorgegangen bin, lässt sich durch folgende, der Arbeit entnommene Zusammenfassung gewinnen. Die gesamte Arbeit wird demnächst u.a. auf dem Hochschulschriftenserver der Universität Wien und in weiterer Folge hier am Blog zu finden sein.
EDIT 02/2010: Zum PDF-Download der Diplomarbeit: http://othes.univie.ac.at/7971/
EDIT 04/2010: Die Diplomarbeit ist mittlerweile auch als Buch käuflich zu erwerben: ISBN 978-3-640-57521-3 / Amazon – Link.

„Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Status des Phänomens „geistiges Eigentum“ in seinen positiven Ausformungen „Urheberrecht“ beziehungsweise „Copyright“ und seiner historischen Entwicklung bis ins angehende 21. Jahrhundert auseinander.

Die Arbeit zeigt, wie das Konzept des geistigen Eigentums mit dem Aufstieg und Fall der Buchkultur in Verbindung steht und geht dabei besonders auf den Status des Autors als Schöpferindividuum ein, wie er in der Zeit um 1800 entstand und seit Ende des 19. Jahrhunderts begann, sich in philosophischen Diskursen wieder aufzulösen.

Die historische Analyse zeigt, wie epistemologische Debatten Autor- und Künstlerkonzepte formten und sich daraus juristische Konzepte zur Regulierung geistiger Eigentumsrechte ergaben.
Dabei wird hauptsächlich eine medienhistorische Perspektive angewandt, d.h. dass zunächst von den historischen Auswirkungen neuer Medientechnologien auf ihre Bedeutung für die beiden aneinander gekoppelten Konstrukte „Autorschaft“ und „geistige Eigentumsrechte“ geschlossen wird.

So wird der historische Unterbau für eine Betrachtung des heutigen Status von geistigem Eigentum hergestellt, wobei die Auswirkungen digitaler Vernetzung auf Autorschaft und kulturelle Produktion ins Zentrum des Interesses rücken. Dabei wird u.a. differenziert, welche Arten kultureller Produktion auf Traditionen der Buchkultur gründen und welche den digitalen Medien entspringen. Dies eröffnet eine Perspektive, die den medialen Paradigmenwechsel, der im 15. Jahrhundert durch die Erfindung des Buchdrucks ausgelöst wurde, mit jenem vergleicht, der von der Entstehung der technischen Medien Ende des 19. Jahrhunderts vorbereitet und durch die globale digitale Vernetzung ins Rollen gebracht wurde.

Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die heutigen geistigen Eigentumsrechte in ihren positiven Ausformungen den medialen Rahmenbedingungen nicht mehr entsprechen, da sie auf den Voraussetzungen der Buchkultur gründen, mit einer digital vernetzten Medienumwelt nicht kompatibel und daher langfristig nicht mehr ohne grundlegende Transformationen haltbar sein werden. Die Schwierigkeit, dieses Problem in all seinen Ebenen zu erkennen und die notwendigen Schlüsse daraus zu ziehen, hängt mit der Beschaffenheit medialer Paradigmenwechsel im Allgemeinen zusammen, was auch am historischen Beispiel des Wechsels zur Buchkultur gezeigt wird: der Übergang zu einem neuen Paradigma kann nur dann vollends verstanden werden, wenn die Gesetzmäßigkeiten des neuen Paradigmas in all ihren Auswirkungen erfasst werden, was zur Zeit des Übergangs kaum möglich ist, da jegliche Beschreibungsversuche zunächst auf Begrifflichkeiten des alten Paradigmas angewiesen sind.“

Quelle: Razocha, Florian: „Geistiges Eigentum von der frühen Neuzeit bis ins Zeitalter der digitalen Information – Eine medienhistorische Betrachtung eines Phänomens.“ Diplomarbeit, Universität Wien 2009.

Einleitung

Die digitale Medienumwelt – und damit in erster Linie das Internet – haben in den letzten 10 bis 20 Jahren nicht nur die Gesellschaft massiv beeinflusst, sondern auch Anlass dazu gegeben, das Konzept von Realität neu zu überdenken. Das Internet ist nicht einfach eine technische Erfindung, der man sich annehmen kann, die man aber auch ignorieren kann: in unserer Gesellschaft kann man sich nicht ohne weiteres gegen das Internet entscheiden.

Neil Postmans Füllfeder

Neil Postman argumentierte 19991 von seinem Standpunkt als Geistes- und Sozialwissenschaftler aus, dass er weder Computer, noch Internet benötige und beides deshalb auch nicht besitze, weil ihn das Internet nur ablenken, und die komplexe Technik des Computers nur vom Wesentlichen – den geschriebenen, gesprochenen und gedachten sprachlichen Inhalten – abbringen würde. Er beklagt also den drohenden Verlust menschlicher Qualitäten der Kommunikation, welche nur in direkter persönlicher Interaktion – und wenn nötig mit möglichst primitiven und daher auf das Wesentliche reduzierten technischen Hilfsmitteln wie Füllfeder und Papier – richtig zur Geltung kommen könnten.

Es liegt auf der Hand, dass Postmans Haltung ob seiner kategorischen Ablehnung der „neuen Medien“ bereits in der 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf Kritik stieß. Postman meint dazu folgendes:

„Viele benutzen, wenn sie meine Reaktion auf das digitale Zeitalter beschreiben, sogar das Wort „Dinosaurier“. Ich versuche sie dann daran zu erinnern, daß die Dinosaurier hundert Millionen Jahre überlebt haben, und zwar, könnte ich mir vorstellen, vor allem deshalb, weil an ihnen jeder Wandel abgeprallt ist.“2

Um dieses Argument weiterzudenken, sei hier darauf hingewiesen, weshalb die Dinosaurier schließlich dennoch vom Antlitz der Erde verschwanden, nämlich dadurch, dass sich die Lebensbedingungen auf der Erde änderten.3

Der Vergleich mit den Dinosauriern hinkt freilich – schon alleine deshalb, da letztere in keiner Weise die geänderten Lebensbedingungen auf der Erde begreifen, noch etwas gegen ihren damit verbundenen Niedergang unternehmen konnten. Postman hingegen setzt sich sehr wohl mit der Frage auseinander, wie die digitale Medienumwelt die Gesellschaft verändern könnte, und warnt dabei auch vehement vor möglichen negativen Folgen. Dabei könnte jedoch eben diese konsequent kritische Haltung auch ein Problem darstellen: Kann Postman die Auswirkungen eines Kommunikationsphänomens in voller Tragweite beurteilen, wenn er sich ihm selbst nicht aussetzt und Konzepte wie „virtuelle Realität“ und „virtuelle Gemeinschaften“ – überspitzt formuliert – nur vom Hören sagen kennt?

Streitfall Internet

Manuel Castells legt 2001 in „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“4 durch die Aufzählung verschiedenster soziologischer Untersuchungen und Theorien über die Gesellschaftlichen Auswirkungen des Internets dar, dass keine generalisierenden Aussagen getroffen werden können – dafür ist das Internet in vielerlei Hinsicht ein zu komplexes und vielschichtiges Phänomen. So stehen zum Beispiel Untersuchungen, die besagen, das Internet würde durch Isolierung von der physischen Gemeinschaft anderer zur Vereinsamung des Individuums führen, anderen Untersuchungen gegenüber, die das Gegenteil behaupten, indem sie argumentieren, dass virtuelle Gemeinschaften als stärkend für die Struktur lokaler Gemeinschaften dienen können.

Dazu muss auch der Faktor berücksichtigt werden, dass Castells Untersuchungen und Theorien zitiert, die über viele Jahre verteilt entstanden sind – viele davon stammen aus den 1990er Jahren. Somit beziehen sie sich auf ein Internet der Vergangenheit, welches angesichts der Tatsache, dass sich Computertechnologien und deren Anwendungsmöglichkeiten rasant weiterentwickeln, oft nicht mehr viel mit dem Internet des Jahres 2008 zu tun hat. So ist das viel diskutierte gesellschaftliche Phänomen der technisch institutionalisierten sozialen Vernetzung einer immensen Masse von Internetusern durch so genannte „Social Networking“ – Plattformen bei Castells nirgends berücksichtigt – es handelt sich schlichtweg um ein Phänomen, das jünger als Castells‘ Text ist.

Deshalb soll hier auch nicht weiter auf konkrete soziologische Untersuchungen und Theorien eingegangen werden – Castells bietet nämlich auch allgemeine Betrachtungen struktureller Natur, die sich auf interessante Weise mit der oben beschriebenen Position Postmans verknüpfen lassen.

Manuel Castells und die reale Virtualität

Ausgehend davon, dass Kulturen aus Kommunikationsprozessen bestehen, bezieht sich Manuel Castells auf die Lehre der Zeichen nach Roland Barthes und Jean Baudrillard. Das Prinzip lautet hier, dass Kommunikation mit der Konsumption und Produktion von Zeichen gleichzusetzen ist, was so zu verstehen ist, dass die Menschen in einer Welt von Zeichen – einer symbolischen Umwelt – existieren, da von keiner „referenziellen Wirklichkeit“ ausgegangen werden kann. In diesem Zusammenhang kann auch Ernst Cassirer zitiert werden – er erklärt die Rolle des Menschen in diesem Konstrukt folgendermaßen:

„Er lebt so sehr in sprachlichen Formen, in Kunstwerken, in mythischen Symbolen, daß er nichts erfahren oder erblicken kann, außer durch Zwischenschaltung dieser künstlichen Medien.“5

In dieser Weise betrachtet Castells nun die symbolische Umwelt der neuen Medien, wobei er davon ausgeht, dass im digitalen Universum „die meisten kulturellen Ausdrucksformen in all ihrer Verschiedenheit zusammen kommen“6 – dabei würde der „Trennung oder selbst der Unterscheidung zwischen audiovisuellen und gedruckten Medien, populärer und gelehrter Kultur, Unterhaltung und Information, Bildung und Überredung“7 ein Ende bereitet.

„Das historisch spezifische an dem neuen Kommunikationssystem, das um die elektronische Integration aller Kommunikationsweisen von der typografischen bis zur multisensorischen herum organisiert ist, ist daher nicht die Einführung einer virtuellen Realität, sondern die Konstruktion realer Virtualität.“8

Erfahrene Wirklichkeit war also immer schon virtuell – „virtuelle Realität“ in diesem Sinne ist so alt wie die menschliche Kommunikation.

In Castells „realer Virtualität“ hingegen ist die Wirklichkeit, die materielle Existenz des Menschen, komplett in die Welt der virtuellen Bilder eingetaucht – ein umfassendes Spektrum menschlicher Erfahrung ist in den „Multimedia-Text“9 integriert. Dieses breite Spektrum der Erfahrung wird also nicht bloß durch vermittelte Inhalte kommuniziert – die Inhalte werden selbst zur Erfahrung.

Dieser Umstand lässt sich ganz einfach dadurch begründen, dass die weltweiten Datennetze ihrer Natur nach auf interaktiver Kommunikation basieren: Interaktivität bedeutet, von einem Ort der Erde auf einen anderen, beliebig weit entfernten Ort in Echtzeit eine Wirkung auszuüben. Eine virtuelle, immaterielle Welt, in der Raum und Zeit überwunden sind, wird damit real, daher „reale Virtualität“.

Angst vor neuen Spielregeln

In den vergangenen 10 bis 15 Jahren ist diese Virtualität zu einer derart weitläufigen, bedeutenden Realität geworden, einer Realität, die immer mehr kulturelle Ausdrucksformen auf komplexe Weise miteinander vereint und dadurch wiederum neue kulturelle Ausdrucksformen hervorbringt, die ohne diese komplexen Vereinigungsprozesse gar nicht möglich wären, dass Menschen, die sich vor diesem Phänomen verschließen, sich damit auch vor einer kulturell sehr bedeutenden Dimension der Realität verschließen – eine Dimension, die sehr stark auf kulturelle Identitätsbildung Einfluss nimmt. Es entstehen neue Regeln und Voraussetzungen, das Blatt wird neu gemischt, und wer nicht mitspielt, wird das Spiel auch nicht erlernen.

Neil Postman gilt – wie bereits erwähnt – als ein vehementer Kritiker der digitalen Medien. Kritik ist eine gute und vor allem Notwendige Sache, die besonders für die Handhabung eines neuen Mediums für eine Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist.

In einem Interview legt Postman folgende Fragestellungen für die Bewertung einer Medientechnik dar:

„I think […] everyone should be sensitive to certain questions, for example, when confronted with a new technology, whether it’s a cellular phone or a high definition – television or cyberspace […], the question – or one question – should be: ‚What is the problem, to which this technology is a solution?‘ And the second question would be: ‚Who’s problem is it actually?‘ And the third question would be: ‚If there is a legitimate problem here, that is solved by the technology, what other problems will be created by my using this technology?'“10

Das gesamte Interview auf youtube:

Inwiefern die ersten beiden Fragen in Zusammenhang mit dem Internet sinnvoll sind, ist ein Problem, auf das hier nicht näher eingegangen werden soll. Die dritte Frage allerdings behandelt ein wichtiges Thema, nämlich welche Probleme das neue Medium hervorrufen könnte. Wie man eine solche Fragestellung zu unterschiedlichsten Themen, aus verschiedensten Blickwinkeln behandeln könnte, wurde oben schon angedeutet.

Neil Postman wandte sich der Frage auf eine andere Weise zu, nämlich – wie gesagt – ohne sich selbst auf das Medium wirklich einzulassen. Er selbst bringt ein Beispiel, welches ihm in diesem Zusammenhang zur Kritik gereichen soll:

„Nach meiner Meinung reicht es nicht, wenn man sagt, daß jeder technologische Wandel zu unvorhersehbaren Folgen führt. Das ist eine Trivialität. Wie steht es aber mit den vorhersehbaren Folgen? […] Wäre es 1947 nicht möglich gewesen, die negativen Konsequenzen des Fernsehens für unsere Politik und unsere Kinder vorauszusehen? Und wenn solche Konsequenzen uns klar vor Augen stünden und einigermaßen beunruhigend erschienen, wäre es nicht möglich gewesen, uns durch eine entsprechende Sozialpolitik, durch politisches Handeln oder durch Erziehung auf sie vorzubereiten und ihre Wirkung zu mildern?“11

Bestimmt wäre es 1947 möglich gewesen, gewisse Konsequenzen vorauszuahnen, wenn man sich eingehend genug mit der Natur und der Wirkungsweise des Mediums beschäftigt hätte, doch wie soll man denn nun eine neue Technologie in ihren Auswirkungen erfassen können, wenn man nicht auf alle erdenkliche Weisen versucht, sie zu verstehen?

Für Postman kam jedenfalls nur eine Kritik rein phänomenologischer Natur in Frage, da er Menschen beobachten konnte, die vor Bildschirmen saßen, ebenso wie das, was auf den Bildschirmen zu sehen war, und außerdem konnte er sich von ihnen auch darüber erzählen lassen.

So konnte er zum Beispiel Vereinsamung und soziale Abschottung beobachten, da er in der „Realität“ (nach Castells: „virtuelle Realität“) stehend das Phänomen des vor dem Bildschirm sitzenden Menschen eben nur im Kontext mit der „realen“, materiellen Welt beurteilen konnte – er konnte das Phänomen der „realen Virtualität“ wohl nicht gänzlich nachvollziehen, ihm fehlte das direkte Erfahren der virtuellen Inhalte beziehungsweise Botschaften.

So konnte er womöglich das Internet als ein Mittel zur zwischenmenschlichen Kommunikation etwa im Sinne eines Telefons mit erweiterten Möglichkeiten betrachten, doch es ist zweifelhaft, ob er das Internet als eine Art Hexenküche der kulturellen Ausdrucksformen begreifen konnte.

Könnte Postmans ablehnende Haltung etwas mit einer gewissen Angst von dem Neuen zu tun haben?
Angela Spahr beschreibt in einer Einführung zu Marshall McLuhans Medientheorie seinen Standpunkt zur Problematik folgendermaßen:

„Das 20. Jahrhundert ist für McLuhan eine Zeit des Übergangs. Es befindet sich an der Grenze zweier Kulturen, denn die Gutenberg-Galaxis wurde zwar abgelöst, aber Wahrnehmungsschemata verschwinden nicht ad hoc, sondern überleben die eigene Gültigkeit […]. Phasen kultureller Umbrüche sind schwer zu bewältigen, denn der Zerfall der tradierten Kultur wirkt bedrohlich, ruft Verwirrung, Desorientierung und Hilflosigkeit hervor, das Neue erzeugt Angst […]. […] Aus dieser Perspektive wären heute verbreitete kulturkritische und -pessimistische Theorien der neuen Medien, die auf dem höheren Wert der Buchkultur beharren, nutzlos und anachronistisch. Neil Postmans Ansatz zum Beispiel wäre demnach auf dem erkenntnistheoretischen Boden der Gutenberg-Galaxis zu verorten. McLuhan bezeichnet das rückwärts gewandte Denken als gefährlich, denn es verstärkt die Angst und enthält den Menschen das entscheidende Wissen über Medien vor […].“12

Nachwort

Um das Prinzip der Angst vor dem Neuen noch einmal konkreter zu verdeutlichen, sei abschließend kurz auf den Schriftsteller und Journalisten Peter Roos eingegangen, der 2008 in einem Feuilleton-Artikel in der Tageszeitung „Der Standard“ über sein Verhältnis zum Computer berichtet, dessen Verwendung er sich – ähnlich wie Postman13 – sehr lange verweigert hatte.

Roos beschreibt lebhaft und mit Anekdoten gewürzt sein langjähriges inniges Verhältnis zu Papier, Füllfeder und Schreibmaschine. Er beschreibt, wie er über die Jahre hinweg, zunächst – in den 80er Jahren – nur sporadisch, dann in den 90er Jahren und darüber hinaus immer häufiger in seinem Umfeld auf Unverständnis stieß, warum er denn über keinen Computer verfüge, was sich in ihm bis zu einem Punkt aufschaukelte, an dem er nachgab und sich einen Computer anschaffte (er weist am Ende des Artikels darauf hin, dass er eben jenen am Computer verfasst habe).

„Von Anfang an habe ich DEN COMPUTER als Bedrohung empfunden. Plötzlich gab es ihn. […] Warum hatte ich nichts bemerkt? Wo ich mich doch für einen der größten Wahrnehmungsgeier halte, dem angeblich nahezu Nichts entgeht? Eine Revolution nicht bemerkt. Ich? Revolution? […]
Es war passiert.
Was war geschehen?
Schlug zu meine Technikfeindlichkeit? Die uralten psychodramatischen Schul-Noten 4, 5 und 6 in Chemie, Mathe, Physik? Schlug zu Großvater Paul, der Kirchenmusiker, für den nach Bach die Musik aufhörte, Beethoven Bedrohung war? Oder war’s Vater, der zuschlug mit seiner Ideosynkrasie gegenüber dem Telefon?
Es war die reine Angst.
Der Computer war die bisher größte Bedrohung meines Lebens von außen. Wie Krieg. Fassungslos, als ich realisierte, was da auf meine Lebensbahn eingeschert war.“14

Die Realität holt wohl früher oder später jeden noch so vehementen Zauderer ein; man ist an dieser Stelle verleitet, darüber zu spekulieren, ob vielleicht auch Neil Postman irgendwann einen Computer benutzt hätte, hätte er lange genug gelebt.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass man erst dann richtig vor Gefahren warnen kann, wenn man auch eine Idee davon hat, ob diese Gefahren auch der Realität entsprechen können, im spezifischen Fall besser: der „realen Virtualität“.

1Postman, Neil: „Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert.“ Aus dem Amerikanischen von H. Jochen Bußmann. Berlin: BvT, 1999.

2Postman 1999. S. 70.

3Um die möglichen Ursachen dafür ranken sich vielfältige Theorien.

4Castells, Manuel: „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft: Teil I der Trilogie. Das Informationszeitalter.“ Übersetzt von Reinhard Kößler. Opladen: Leske + Budrich, 2001.

5Cassirer, Ernst: „Was ist der Mensch? Versuch einer Philosophie der menschlichen Kultur.“ Stuttgart, 1960.

6Castells 2001. S. 425.

7Ebd.

8Ebd.

9„Multimedia“ weist auf den integrativen Charakter der digitalen Medien hin, die ihrer Anlage nach alle analogen Kommunikationsmedien in sich vereinen. „Text“ bedeutet hier also nicht nur Schrift, sondern die vereinigte Gesamtheit der Kommunikationsformen.

10Aus: Interview mit Neil Postman, geführt von Charlene Hunter Gault, „The MacNeil/Lehrer NewsHour“, PBS 1995. Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=49rcVQ1vFAY – Zugriff am 12.9.2008.

11Postman 1999. S. 63.

12Spahr, Angela: „Magische Kanäle. Marshall McLuhan.“ in: Kloock, Daniela; Spahr, Angela (Hg.): „Medientheorien. Eine Einführung.“ 3., aktualisierte Auflage 2007. Paderborn 2000. S. 70.

13Postman starb 2003; ob er in den Jahren vor seinem Tod seine persönliche Einstellung zu Computern und dem Internet geändert hat, bleibt zu bezweifeln.

14Roos, Peter: „Der Computer und ich“. In: Der Standard Album, Samstag, 6. September 2008. S. A1, A2.

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