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EINLEITUNG: EINE KLEINE KRIEGSBERICHTERSTATTUNG

Illustration: © Japan Inc Communications

Illustration: © Japan Inc Communications

Die latent aktuelle Urheberrechtsdebatte ist ein Gebilde, das an Krieg erinnert. Zwei Seiten stehen einander gegenüber, jede hat ihre streng abgegrenzte Ideologie und bekämpft die andere mit Mitteln der Propaganda.
Das ist natürlich eine starke Vereinfachung einer komplexen Diskurssituation, die durchaus auch differenzierte, kritische Standpunkte erlaubt. Letztere scheinen aber – mal mehr, mal weniger – ein Underdog-Dasein zu fristen.

Das umso mehr, je aktueller gerade der jüngste Schlag einer der beiden „Seiten“ ist. Jetzt ist gerade ein guter Zeitpunkt, dieses Phänomen zu beobachten, da der bekannte deutsche Musiker und Autor Sven Regener ein sehr schönes Beispiel für so einen „Schlag“ abgeliefert hat. Kurz zusammengefasst: in einer gut fünfminütigen Polemik (Terminologie: „Wutrede“, „Instant-Pamphlet“) in Form eines Radiointerviews auf BR2 rechnet Regener mit großen Internetkonzernen (insbesondere Google/Youtube) ab, da diese von frei angebotenem Content profitieren würden, auf den sie gar keinen Anspruch hätten, und darüber hinaus auch mit den Usern der Internetgeneration, da diese den Künstlern „ins Gesicht pinkeln“ würden, weil sie kein Bewusstsein dafür hätten, dass Urheber Anspruch auf Bezahlung für ihre Leistung hätten. Ein Seitenhieb auf die Piratenpartei geht sich dabei dann auch noch aus.

Das aktuelle Schlachtgetümmel in diesem „Krieg“ stellt sich nun wie folgt dar: in einer Lawine von Zeitungsartikeln, Blogeinträgen und Forendiskussionen werden altbekannte Positionen wiedebesetzt und verteidigt, ohne dass auf beiden Seiten Land gewonnen, oder sich die Fronten aufweichen würden. Ein Artikel in der Online – Ausgabe der Welt fasst ein paar der Standpunkte beider Seiten exemplarisch zusammen, und schließt nach einem Absatz über Regener-Gegenpositionen mit dem bezeichnenden Satz:

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Fürsprecher des Urheberrechts kontern.

Der Diskurs passiert hier also in erster Linie auf der Ebene von Angriff und Gegenangriff, Attacke und Konterattacke. Die Diskussion schafft es nicht auf eine Sachebene, da auf beiden Seiten stark emotional aufgeladene Begriffe und Formulierungen verwendet werden, und auch die Berichterstattung darüber, was passiert, fasst dies zumeist nur zusammen und versucht oft erst gar nicht, dahinter zu steigen.

WORÜBER WIRD EIGENTLICH GESPROCHEN?

Einige der zentralen Begriffe dieses Diskurses will ich hier näher betrachten, es sind: „Raubkopierer“, „Internetpiraten“, „Contentmafia“ und „Raubmordkopierer“. Ich habe bewusst jeweils zwei von jeder der beiden „verfeindeten“ Seiten ausgewählt, und zwar die wohl plakativsten und extremsten Beispiele, weil ich etwas verdeutlichen will. Alle vier dienen zur Bezeichnung der jeweiligen Gegenseite, wobei sich der letzte  („Raubmordkopierer“) bereits auf eine Metaebene begibt und in Form einer zynischen Übersteigerung das Verleumdungspotenzial des Begriffes „Raubkopierer“ thematisiert. Gemein ist ihnen jedenfalls, dass sie versuchen, die jeweilige Gegenseite in ein starkes verbrecherisches Licht zu rücken, welches weit über bloße Kavaliersdelikte hinausgeht.

Die Ursprünge der Begriffe „Raubkopierer“ und „Internetpiraten“ sind mit höchster Wahrscheinlichkeiten irgendwo in der Content – Industrie zu verorten, und sind in den Mainstream – Medien bereits stark etabliert. Die Gegenseite konterte mit „Contentmafia“ als Bezeichnung für die Contentindustrie, und „Raubmordkopierer“ als bereits erwähnte zynische Übersteigerung. In ähnlicher Weise wurde übrigens in Form der „Piratenpartei“ der ursprüngliche  „Internetpirat“ affirmativ in seiner Bedeutung umgekehrt.

„Piraterie“, „Raub(mord)“ und „Mafia“, also mehr oder weniger organisierte Kriminalität, sind somit scheinbar wichtige Rahmenstrukturen für den Kampf um geistige Eigentumsrechte geworden.

Handelt es sich um eine bloße emotionale Übersteigerung? Nein, das würde das Problem auf eine Sammlung rhetorischer Mittel verkürzen.
Viel eher sollte man sich um eine Sichtweise bemühen, welche die ideologische Aufladung von Begriffen zu analysieren versucht. So kann man dann auch zur Frage gelangen: Welche Ideologien und Gegenideologien verbergen sich hinter diesen Begriffen? Woher kommen diese Ideologien?

DER BEGRIFF „KOPIEREN“ ALS BEISPIEL

Der Begriff „Raubkopie“ lässt sich äußerst einfach dekonstruieren, so wie es beispielsweise in digital „aufgeklärten“ Kreisen beinahe schon gebetsmühlenartig gemacht wird: „Kopieren ist nicht stehlen“, wird da ständig wiederholt. Klar, es ist etwas anderes, ob etwas von dem Ort weggenommen wird, an dem der eigentliche Besitzer Zugriff darauf hatte (stehlen), oder ob etwas bloß kopiert wird, also am Ursprungsort verbleibt (kopieren).

Aber: wo führt diese Erkenntnis hin? Für sich alleine lässt sie keine praktischen Rückschlüsse zu, denn wenn kopieren nicht stehlen ist, sollte es ja kein Problem sein, dass jeder denkbare Content frei im Internet verfügbar ist. Ist es aber offensichtlich doch.

Also: Was IST kopieren eigentlich? Regener hat noch nicht einmal verstanden, was es nicht ist. Er zieht im oben genannten Interview in Bezug auf das Problem des Nicht-Bezahlens von Musik im Internet folgenden Vergleich: „[Es ist] eine Frage des Respekts und Anstands […], nichts im Supermarkt zu klauen, selbst wenn man weiß, dass man nicht erwischt wird.“ und begibt sich damit auf jene Argumentationsebene, welche die Contentindustrie schon seit Jahren nicht transzendieren zu können scheint. Aber warum hat er das nicht verstanden? Womöglich hört er viel zu oft, dass er nichts verstehe, weil er zum alten Eisen gehöre, und das ganze wird dann mit emotional aufgeladenen Wendungen und ideologisch belasteten Begriffen ausgeschmückt. Wer würde sich da nicht gleich instinktiv dazu verleitet fühlen, in den Gegenangriff überzugehen?

Wenn die Diskussion etwas mehr in die Tiefe gehen würde, könnte das ganz anders sein, da ein Übergang vom materiell gebundenen Medium (Buch, Schallplatte,…) hin zum materiell ungebundenen Medium (Digitaltechnik) ein grundlegender Paradigmenwechsel ist, der verstanden werden muss, um daraus konstruktiv Schlüsse ziehen zu können und Wege für die Zukunft zu finden, die alle für die Urheberrechtsproblematik relevanten Parteien zufriedenstellen können.

Ich habe den Eindruck, dass auch progressiv denkende Kreise allzu oft dazu verleitet sind, sich ins Schlachtgetümmel zu stürzen, anstatt zu versuchen, Abstand zu gewinnen, und die kritische Denkfähigkeit einzuschalten. Fragen, wie „Was ist kopieren? Woher kommt es, auch historisch betrachtet? Was bedeutet es in verschiedenen Kulturen und Subkulturen?“ wären da zum Beispiel mögliche Ansätze.

Aber auch die verwendeten Terminologien sollten überarbeitet werden, damit sie ihre ideologische Belastung verlieren und neu gedacht werden können. Wenn man zum Beispiel das übersteigerte Kriminalisierungspotenzial aus „Raubkopie“ herausnehmen möchte, könnte man den Begriff auf „illegale Kopie“ reduzieren. Bei weiterem Nachdenken könnte man dann auch noch erkennen, dass „illegale Kopie“ impliziert, dass bestehendes Recht unumstößlich sei, und dass man vielleicht besser auch seine Absolutheit hinterfragen sollte. Dann müsste man es zum Beispiel irgendwie schaffen, „Kopie, die ohne direktes Einverständnis mit dem Erzeuger des Originals angefertigt wurde“ auf ein einziges Wort zu verkürzen, und so weiter.

FAZIT: SPRACHE ALS GRUNDLAGE VON ERKENNTNIS

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
(Ludwig Wittgenstein, „Tractatus Logico-Philosophicus“)

Im Sinne Wittgensteins denke ich, es ist wichtig, ein komplexes Problem zuerst sprachlich zu erschließen, um es überhaupt verstehen zu können, und eine hohe Sensibilität im Umgang mit den verwendeten Begriffen ist hier wichtig. Auf einer so grundlegenden Ebene anzusetzen, ist meiner Meinung nach besonders deshalb nötig, weil – wie an historischen Beispielen gut festgemacht werden kann – der Übergang von einem medialen Paradigma in das nächste während der Zeit des Übergangs angesichts seiner Komplexität von niemandem richtig verstanden werden kann. Das Urheberrecht und das Phänomen „geistiges Eigentum“ sehen somit von hier aus betrachtet einer diffusen digitalen Zukunft entgegen – da sollte man sich zumindest klar sein, was hier passiert, und was „hier“ überhaupt ist.

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@FlorianRazocha

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