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Appell an das Schulbildungswesen

„Die Muster der Produktion, Reproduktion und Distribution kultureller Inhalte haben sich vermutlich nie zuvor in der Geschichte so radikal und in so kurzer Zeit verändert, wie dies in den letzten Jahrzehnten geschehen ist. Die Strategien kultureller Vermittlung – und ihre pädagogischen Mittel, die Medienkompetenz aufbauen sollen – entsprechen dieser Veränderung definitiv noch nicht, allzu sehr sind sie noch den Mythen der Buchkultur (Michael Giesecke) verpflichtet.“1
Diese von Frank Hartmann geschilderte Situation soll hier als Ausgangspunkt für eine kurze Betrachtung darüber genutzt werden, wie digitale Medien die Art und Weise, wie in unserer Kultur Wissen vermittelt wird, beeinflussen, wobei insbesondere das Schulbildungswesen unter die Lupe genommen werden soll.

Während manche noch immer diskutieren, ob es nicht besser wäre, den Computer aus unseren Schulen zu verbannen, wird wertvolle Zeit und Energie vergeudet, die dringend in eine Diskussion investiert werden müsste, die klären sollte, wie man wohl unseren Kindern und Jugendlichen am besten einen Umgang mit diesem „Schreckgespenst neue Medien“ lehren könne – schließlich lässt es sich ohnehin nicht mehr austreiben.

Denn dass wir in einer sich schnell verändernden Welt mit ganz neuen medialen Voraussetzungen leben, mussten wohl bereits die konservativsten Zweifler akzeptieren – im allgemeinen Diskurs spricht man dabei von der „Informationsgesellschaft“.

Michael Giesecke plädiert für eine „kulturelle Informati[onstechni]k und die Fähigkeit, die Informationsgesellschaft als eine Phase in der Evolution der Kommunikation zu betrachten, die vor allem durch
– Synästhesie,
– Multimedialität,
– massive multiprozessorale Parallelverarbeitung von Informationen,
– rückkopplungsintensive Interaktion,
– dezentrale, flexible, globale Vernetzung,
– Selbstorganisation und -kontrolle
gekennzeichnet ist.“2

Eine „kulturelle Informatik“ soll also – im Gegensatz zur technischen – die kulturellen Voraussetzungen ergründen, welche unsere Informationsgesellschaft mit sich bringt.

In die Schule – eine der behäbigsten und konservativsten Institutionen unserer Gesellschaft – muss folgerichtig besonders viel Mühe investiert werden, um dem gerecht zu werden.

So wichtig – ja essenziell! – es ist, die Werte eines humanistisch-aufklärerischen Bildungsethos aus dem 19. Jahrhundert zu kennen und zu vermitteln, um zu verstehen, wo wir herkommen, so wichtig ist es auch, zu erkennen, dass dieses Ethos nicht nur aus dem 19. Jahrhundert kommt, sondern auch dort hin gehört.

Denn, um wieder mit Giesecke zu sprechen, unterscheidet sich die Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts von der alten Buchkultur unter anderem darin, dass in ihr „Die monomediale, sprachlich oder mathematisch normierte Darstellung von Wissen […] durch multimediale und assoziative Informationsdarstellungen ergänzt [wird].“3

Was das nun heißen kann, soll an einem Beispiel illustriert werden.

Dass sich Information von der sprachlichen auf die visuelle Ebene verlagert, also vom Geschriebenen zum Bild, Video, Computerspiel etc., wird in einem Theoriegebilde beschrieben, welches sich als „Iconic Turn“4 („Ikonische Wende“) bezeichnet.

Kinder und Jugendliche wachsen heute ganz natürlich in digitalen Bilderwelten wie z.B. Computerspielen auf, die ältere Generation ist davon ausgeschlossen und reagiert verunsichert und verständnislos. Kein Wunder, dass die heutigen LehrerInnengeneration sich überfordert fühlt.

Der deutsche Journalist Mark Terkessidis führt aus: „Statt Computerspiele regelmäßig zum Objekt einer moralischen Erregung zu machen, wäre es notwendig, den Kindern eine Art „popkulturelle Alphabetisierung“ zu ermöglichen, die ihnen den selbstbewussten Umgang mit den Spielen ermöglicht. Um dann jene Fertigkeiten weiter zu fördern, die das Spielen mit dem Computer hervorbringt – Lesekompetenz in Sachen Bilder, Vertrautheit mit technischen Details, Geschicklichkeit und Koordination.“5
Bilder verstehen und interpretieren zu lernen, in ihnen kulturelle Codes identifizieren zu können ist somit eine der neue Schlüsselqualifikation, die es den Menschen ermöglicht, nicht im Dschungel der Bilderflut unterzugehen und sich in der Unzahl an Medienkanälen zu verlieren.

Der österreichische Journalist Ernst Schmiederer erläutert, „dass die Sozialisierung und Prägung durch eine große Anzahl an Kanälen und Medien heutzutage kein Nachteil ist, sondern eine Stärke, eine Vorbereitung also fürs weitere Leben.“6

Neue Medien erfordern auch eine neue Art von Kritikfähigkeit an ihnen, denn die Notwendigkeit, die Dinge zu hinterfragen, hat sich seit der Aufklärung nicht geändert.

Es geht also um neue Formen des Wissens, denen alte Formen der Wissensvermittlung nicht mehr gerecht werden können, die aber nicht nur nicht wegzuleugnen sind, sondern immer immanenter werden, je länger die Verantwortlichen in diversen Bildungsinstitutionen sie ignorieren.

Berührungsängste mit dem Neuen sind ein durchgängiges Verhaltensmuster in der Geschichte der Entwicklung menschlicher Kulturen. Die „alte“ Generation steht nun also vor der dringlichen Aufgabe, diese Angst zu überwinden, weil das der einzige Weg sein wird, ein graduelles Versagen des Bildungssystems zu verhindern, das aktuell eine Generation beheimatet, welche die neuen Medienrealitäten bereits unwiderruflich inkorporiert hat.

Somit geht es nicht nur darum, was gelehrt wird, sondern auch wie gelehrt wird: „Die „populäre“ Kultur – ein Netzwerk von Versammlungsorten, Stilcodes und Vergnügungsformen – könnte man durchaus als einen Lernzusammenhang begreifen, in dem alternative Formen von Wissen weitergegeben werden.“7

Oder allgemeiner, wie Michael Giesecke ausführt: „Der Versuch, den Idealen der Buchkultur im 21. Jahrhundert ihren angestammten Platz zu erhalten, vorhandene Strukturen duch Digitalisierung, E-Learning und elektronische Vernetzung zu optimieren, scheint unvermeidbar, aber lenkt von den eigentlichen Potentialen der neuen Medien eher ab. Erforderlich ist ein grundsätzlich neues Verständnis von Kommunikation, Wissen und Informationsverarbeitung.“8

Deshalb: Keine Angst vor dem scheinbar Trivialen! Alternative Wissensbestände und informelle Wissenszusammenhänge dürfen nicht länger aus der Institution Schule verbannt bleiben, eignet euch Wissen über Wissen an!

Oder, um in der Diktion eines der alten Aufklärer zu sprechen: Tretet heraus aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit und steigt tapfer in den Diskurs um ein zeitgemäßes Bildungssystem ein!

1Hartmann, Frank: „Multimedia.“ 1. Aufl., Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG, 2008, S. 112.

2Giesecke, Michael: „Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie.“ 1. Aufl., Orig.-Ausg. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002, S. 17-18.

3Ebd., S. 17.

4Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Iconic_turn

5Terkessidis, Mark: „Was wollen wir wissen?“ (Kommentar). In: taz vom 26.5.2007, S. 20-21. Eine „popkulturelle Alphabetisierung“ bezieht sich natürlich auch auf andere Bereiche, wie Musik, Filme, Comics, Fernsehserien etc.

6Schmiederer, Ernst: „Viele Bilder, gute Spiele.“ In: thegap. Magazin für Popkultur. No. 090, Oktober 2008, S. 40.

7Terkessidis 2007.

8Giesecke, Michael: „Die Entdeckung der kommunikativen Welt. Studien zur vergleichenden Mediengeschichte.“ Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007, S. 481.

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