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Dies ist, wie angekündigt, die deutsche Version eines Artikels (in erster Linie) über die Digital Bolex Kamera, den ich bereits auf englisch veröffentlicht habe. Die wenigen Teile des Artikels, die nur für Kamera – Geeks gedacht sind, sind zur besseren Übersicht kursiv markiert (sie sind für das Verständnis des Artikels nicht unbedingt nötig!). Anmerkung: einstweilen deutet nichts darauf hin, dass das Gerät bei Marktstart außerhalb der USA erhältlich sein wird. Noch eine Anmerkung: wie man weiter unten merken wird, verwende ich für diesen Artikel absichtlich „Politik“ als einen sehr weit gefassten Begriff, und das mit Absicht.

Digital Bolex D16

Digital Bolex D16

Kürzlich las ich mit großem Interesse folgende Überschrift: The Digital Bolex D16. Raw 2K for less than a cost of a 5Dmk3?“ auf Philip Bloom’s Blog (der Mann ist unter Videokameraleuten wie mir bekannt wie ein bunter Hund und in dieser Szene der wohl einflussreichste Blogger). Meine erste Reaktion war pures Mißtrauen, ich dachte: „da stimmt was nicht. Eine Videokamera die in Raw aufnimmt um so wenig Geld?“ Als ich mir die technischen Spezifikationen dieses Gerätes durchlas, änderte das nichts an diesem Gefühl (die Eckdaten kurz zusammengefaßt: Auflösung 2k auf einem CCD Sensorchip von der Größe eines Super 16mm Frames, 12 bit 4:4:4 Raw Video im Adobe DNG Format (oder TIFF oder JPEG); XLR Inputs für anständigen Ton; Objektive: C-Bajonett als Standard, optional auch andere wie EF verfügbar).
Eine kurze Erklärung für nicht Eingeweihte: Die Digital Bolex ist geplant als kompromißlose digitale Umsetzung der Bolex Super 16mm Filmkamera, die dafür bekannt ist, in Verbindung mit guten Linsen und Leuten, die damit umgehen können, hervorragende Filmbilder zu produzieren. Die angestrebte Videoqualität, die sie ermöglichen soll, soll in etwa auf dem Niveau von viel teureren Geräten wie der RED Scarlet liegen. Also stellte ich mir die Frage: welche Leute kommen auf so eine Idee, und vor allem: wie in aller Welt wollen die das zu einem derartigen Preis (genannt werden zw. 3000 und 3300 US – Dollar) umsetzen ?
Also fing ich an zu recherchieren und stieß auf einige interessante Informationen.

Zunachst mal kann man sich bereits Bilder ansehen, die mit dem Gerät gemacht wurden, da es bereits einen Prototypen gibt, und zwar handelt es sich um den Trailer zum Kurzfilm „One Small Step“:

Hier gibt’s außerdem behind the scenes – Material vom selben Film (dieses ist aber nicht in HD). Diese Bilder sehen in jedem Fall sehr vielversprechend aus!

Weitere Recherchen ergaben viele zusätzliche Infos auf der technischen Seite, zum Beispiel in diesem Artikel von Stu Maschwitz, in dem er einige z.T. gerechtfertigte Zweifel äußert, (einige davon werden in diesem Artikel aufgelöst) und in jenem von Philip Bloom, den ich bereits weiter oben erwähnte. In meinem Artikel werde ich also nicht näher auf die technischen Aspekte eingehen. Das auch, weil ich in der Überschrift angekündigt habe, über die politischen Dimensionen einer Kamera zu sprechen.

Was meine ich also mit „politische Dimensionen?“ An diesem Punkt muß ich etwas abschweifen, da es wichtig ist, einen Vergleich herzustellen.

Ich besitze 2 Canon EOS 550D DSLR – Kameras, welche zur Herstellung recht hochqualitativer Videobilder imstande sind, und das zu einem sehr geringen Kaufpreis (etwa € 500,- pro Stück). Die ganze Sache hat aber einen Haken: es gibt einige Probleme mit derartigen Geräten, was sie zu alles anderem als der perfekten Videokamera macht. Zugegeben, diese Geräte sind in erster Linie dafür entwickelt worden, Fotos zu machen (worin sie auch sehr gut sind), und die Videofunktion ist nur eine Zusatzfunktion. Für manche Leute, um genau zu sein: unabhängige Filmemacher, ist sie aber viel mehr als das, denn die haben schnell herausgefunden, dass diese kleinen DSLR – Dinger hochauflösende, hochqualitative Videobilder mit einer „filmisch“ wirkenden flachen Schärfentiefe und unglaublich hoher Lichtempfindlichkeit produzieren, um nur die wichtigsten Eigenschaften zu nennen. Schnell entstand also die Frage, ob man nicht die Nachteile der EOS – Serie und anderer Video – DSLRs, wie begrenzte Aufnahmezeit, festgelegte Videobitraten und Framerates, kaum brauchbare Meta-Bildinformationen am Display, Probleme beim Fokussieren, keine brauchbaren Einstellmöglichkeiten für Audioaufnahme etc. etc., irgendwie lösen oder umgehen könnte. Die „geekiest Geeks“ unter den indie – Filmemachern verkündeten: „Yes, we can!“ und programmierten eine gehackte Firmware für die EOS – Serie, genannt „Magic Lantern„, die nicht nur die genannten Probleme recht gut in den Griff kriegt, sondern auch eine Fülle an nützlichen Zusatzfunktionen bietet – all das unter der Voraussetzung, dass man bereit ist, eine Software auf seiner Kamera zu installieren, für die zwar keinerlei Garantien übernommen werden, die sich aber dennoch bereits vielfach als verläßlicher Begleiter bewährt hat! Wenn man sich also ansieht, in welche Art von Kamera Magic Lantern meine 550D verwandelt hat, müßte man am freien Markt für Videokameras ein Vielfaches der Summe in die Hand nehmen, die die 550D gekostet hat, um etwas Vergleichbares zu finden.
Darüber hinaus haben wiederum andere Geeks, als die vorher erwähnten, Kamera – Farbprofile entwickelt, welche Usern der Canon EOS – Serie durch eine starke Erhöhung des Dynamikumfanges, bei gleichzeitigen sehr guten Detail- und Farbeigenschaften, vormals ungeahnte Möglichkeiten für die Bildbearbeitung während der Post Production eröffnet. Mein derzeit bevorzugtes Farbprofil ist übrigens der Technicolor Cine Style, aber ich verwende auch andere, wie Marvels Advanced).

Genug des Abschweifens, zurück zum Punkt: Ich habe einen Kamerahersteller (Canon) beschrieben, der Hardware produziert, die zu vielen tollen Dingen fähig ist, aber auf der Software – Seite sehr viel davon nicht implementiert. Weshalb also ist das ein politisches Problem? Weil preiswerte, gute Videokameras für Menschen (insbesondere Künstler) in einer globalisierten digitalen Gesellschaft, die zunehmend von audiovisueller, multimedialer Kommunikation geprägt ist, ein essenzielles Werkzeug sind, um sich auszudrücken. Um das anders zu formulieren: audiovisuellen Produktionsequipment leistbar zu machen ist eine Sache, die es den Menschen leichter macht, wahrgenommen zu werden, was ein wichtiges Grundprinzip für Kommunikation in einer demokratischen Gesellschaft ist. Und das ist das politische daran.

Der freie Markt bietet zwar alle Möglichkeiten für professionelle Videoproduktion, bislang aber nur auf sehr hohem Preisniveau. Gute Beispiele dafür sind die Canon C300, die RED Camera – Serie, oder die Arri Alexa, um nur einige zu nennen.
Kleine, unabhängige Filmemacher sind mit ihren sehr limitierten finanziellen Mitteln und wenigen Ressourcen diejenigen, die hochqualitatives, speziell angepasstes Videoequipment zu sehr günstigen Preisen bereitstellen, denn sie sind (von Herstellerseite her) die einzigen mit genügend Interesse daran, um das auch umzusetzen. Magic Lantern und spezielle Farbprofile sind zur gänze frei verfügbar und basieren auf gutem Willen, zum Teil freiwilliger finanzieller Unterstützung und einer Schar von unabhängigen Filmemachern, die sie testen und dabei helfen, sie (weiter) zu entwickeln.

Elle Schneider und Joe Rubinstein

Elle Schneider und Joe Rubinstein

Die Digital Bolex wird zu einem sehr niedrigen Preis verfügbar sein. Das ist auf eine politische Entscheidung zurückzuführen, welche die Macher dieser Kamera (Joe Rubinstein und Elle Schneider) getroffen haben: da sie selbst Filmemacher sind, wollten sie die Möglichkeit, mit einer solchen Kamera zu arbeiten, möglichst vielen anderen Filmemachern eröffnen, im Wissen, dass eine solche Kamera höchst wahrscheinlich auch deutlich teurer verkauft werden könnte. Diese Idee passt sehr gut zu ihrem Geschäftskonzept, welches zum einen auf Micro Funding basiert (sie haben eine sehr erfolgreiche Kampagne auf der Micro Funding – Plattform „Kickstarter“ gestartet), und zum anderen Crowd Sourcing mit einbezieht (der Input von anderen Filmemachern war und ist für das Projekt von großer Bedeutung). Rubinstein und Schneider erklären diese Dinge (und vieles mehr, unter anderem Technisches!) in einem sehr interessanten Telefoninterview, das Philip Bloom mit ihnen führte.

Um nun auf Canon zurück zu kommen: dieser Konzern hat eine andere, unterschiedliche politische Entscheidung getroffen. Er hat entschieden, den eigenen, hochpreisigen High End – Markt zu schützen, und zwar durch weglassen jeglicher professioneller Video- und auch vieler Foto-Funktionen in ihrer billigen Hardware, obwohl diese ohne weiteres zu sehr viel mehr fähig wäre. Das ist freilich genau die richtige Entscheidung für Canon – alles andere würde keinen Sinn ergeben und die Marktstellung dieses Konzerns gefährden. Keiner der Mitbewerber (die wichtigsten wären hier Nikon, Panasonic oder Sony) würde es anders machen. Es würde einfach nicht den klassischen Regeln des freien, globalen Marktes entsprechen.

All das bedeutet: es ist vom technischen Standpunkt betrachtet kein Problem, zu niedrigen Preisen professionelles Videoequipment anzubieten, und das sogar ohne die riesige Menge an Resourcen, wie sie ein großer Konzern hat – das hat Magic Lantern bewiesen, und das wird auch höchstwahrscheinlich Digital Bolex zeigen. Aus politischer Sicht ist es aber sehr wohl ein Problem.
Dennoch: die politischen Rahmenbedingungen auf diesem Bereich beginnen sich offenbar zu ändern! Das interessante daran ist, dass sie sich nicht durch die Kraft von sehr wenigen großen Entscheidungsträgern ändern, sondern durch die Kraft vieler kleiner. Sollte das wirklich der Fall sein, könnte das den Effekt haben, dass gewisse Großkonzerne gezwungen sind, ihre Preispolitik am Bereich der professionellen Videoausrüstung zu überdenken und anzupassen. Auch in diesem Falle wirken eben die Prinzipien des freien Marktes!
Jedenfalls sollte man bedenken, dass es hier nur um eine kleine, spezielle Gruppe von Leuten geht: die der unabhängigen Filmschaffenden. Man sollte aber auch bedenken, dass technisches UND soziales Hacking sehr wohl auch auf sehr vielen verschiedenen anderen Ebenen funktioniert.

In diesem Sinne: Wir unabhängigen Filmschaffenden scheinen unter Umständen endlich aus den „dark days of video-cinematography“ herauszutreten, und zwar zu unseren eigenen Bedingungen:

Bleibt nur zu sagen: ich wünsche dem Digital Bolex Projekt alles Gute und hoffe, dass ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden!

EINLEITUNG: EINE KLEINE KRIEGSBERICHTERSTATTUNG

Illustration: © Japan Inc Communications

Illustration: © Japan Inc Communications

Die latent aktuelle Urheberrechtsdebatte ist ein Gebilde, das an Krieg erinnert. Zwei Seiten stehen einander gegenüber, jede hat ihre streng abgegrenzte Ideologie und bekämpft die andere mit Mitteln der Propaganda.
Das ist natürlich eine starke Vereinfachung einer komplexen Diskurssituation, die durchaus auch differenzierte, kritische Standpunkte erlaubt. Letztere scheinen aber – mal mehr, mal weniger – ein Underdog-Dasein zu fristen.

Das umso mehr, je aktueller gerade der jüngste Schlag einer der beiden „Seiten“ ist. Jetzt ist gerade ein guter Zeitpunkt, dieses Phänomen zu beobachten, da der bekannte deutsche Musiker und Autor Sven Regener ein sehr schönes Beispiel für so einen „Schlag“ abgeliefert hat. Kurz zusammengefasst: in einer gut fünfminütigen Polemik (Terminologie: „Wutrede“, „Instant-Pamphlet“) in Form eines Radiointerviews auf BR2 rechnet Regener mit großen Internetkonzernen (insbesondere Google/Youtube) ab, da diese von frei angebotenem Content profitieren würden, auf den sie gar keinen Anspruch hätten, und darüber hinaus auch mit den Usern der Internetgeneration, da diese den Künstlern „ins Gesicht pinkeln“ würden, weil sie kein Bewusstsein dafür hätten, dass Urheber Anspruch auf Bezahlung für ihre Leistung hätten. Ein Seitenhieb auf die Piratenpartei geht sich dabei dann auch noch aus.

Das aktuelle Schlachtgetümmel in diesem „Krieg“ stellt sich nun wie folgt dar: in einer Lawine von Zeitungsartikeln, Blogeinträgen und Forendiskussionen werden altbekannte Positionen wiedebesetzt und verteidigt, ohne dass auf beiden Seiten Land gewonnen, oder sich die Fronten aufweichen würden. Ein Artikel in der Online – Ausgabe der Welt fasst ein paar der Standpunkte beider Seiten exemplarisch zusammen, und schließt nach einem Absatz über Regener-Gegenpositionen mit dem bezeichnenden Satz:

Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Fürsprecher des Urheberrechts kontern.

Der Diskurs passiert hier also in erster Linie auf der Ebene von Angriff und Gegenangriff, Attacke und Konterattacke. Die Diskussion schafft es nicht auf eine Sachebene, da auf beiden Seiten stark emotional aufgeladene Begriffe und Formulierungen verwendet werden, und auch die Berichterstattung darüber, was passiert, fasst dies zumeist nur zusammen und versucht oft erst gar nicht, dahinter zu steigen.

WORÜBER WIRD EIGENTLICH GESPROCHEN?

Einige der zentralen Begriffe dieses Diskurses will ich hier näher betrachten, es sind: „Raubkopierer“, „Internetpiraten“, „Contentmafia“ und „Raubmordkopierer“. Ich habe bewusst jeweils zwei von jeder der beiden „verfeindeten“ Seiten ausgewählt, und zwar die wohl plakativsten und extremsten Beispiele, weil ich etwas verdeutlichen will. Alle vier dienen zur Bezeichnung der jeweiligen Gegenseite, wobei sich der letzte  („Raubmordkopierer“) bereits auf eine Metaebene begibt und in Form einer zynischen Übersteigerung das Verleumdungspotenzial des Begriffes „Raubkopierer“ thematisiert. Gemein ist ihnen jedenfalls, dass sie versuchen, die jeweilige Gegenseite in ein starkes verbrecherisches Licht zu rücken, welches weit über bloße Kavaliersdelikte hinausgeht.

Die Ursprünge der Begriffe „Raubkopierer“ und „Internetpiraten“ sind mit höchster Wahrscheinlichkeiten irgendwo in der Content – Industrie zu verorten, und sind in den Mainstream – Medien bereits stark etabliert. Die Gegenseite konterte mit „Contentmafia“ als Bezeichnung für die Contentindustrie, und „Raubmordkopierer“ als bereits erwähnte zynische Übersteigerung. In ähnlicher Weise wurde übrigens in Form der „Piratenpartei“ der ursprüngliche  „Internetpirat“ affirmativ in seiner Bedeutung umgekehrt.

„Piraterie“, „Raub(mord)“ und „Mafia“, also mehr oder weniger organisierte Kriminalität, sind somit scheinbar wichtige Rahmenstrukturen für den Kampf um geistige Eigentumsrechte geworden.

Handelt es sich um eine bloße emotionale Übersteigerung? Nein, das würde das Problem auf eine Sammlung rhetorischer Mittel verkürzen.
Viel eher sollte man sich um eine Sichtweise bemühen, welche die ideologische Aufladung von Begriffen zu analysieren versucht. So kann man dann auch zur Frage gelangen: Welche Ideologien und Gegenideologien verbergen sich hinter diesen Begriffen? Woher kommen diese Ideologien?

DER BEGRIFF „KOPIEREN“ ALS BEISPIEL

Der Begriff „Raubkopie“ lässt sich äußerst einfach dekonstruieren, so wie es beispielsweise in digital „aufgeklärten“ Kreisen beinahe schon gebetsmühlenartig gemacht wird: „Kopieren ist nicht stehlen“, wird da ständig wiederholt. Klar, es ist etwas anderes, ob etwas von dem Ort weggenommen wird, an dem der eigentliche Besitzer Zugriff darauf hatte (stehlen), oder ob etwas bloß kopiert wird, also am Ursprungsort verbleibt (kopieren).

Aber: wo führt diese Erkenntnis hin? Für sich alleine lässt sie keine praktischen Rückschlüsse zu, denn wenn kopieren nicht stehlen ist, sollte es ja kein Problem sein, dass jeder denkbare Content frei im Internet verfügbar ist. Ist es aber offensichtlich doch.

Also: Was IST kopieren eigentlich? Regener hat noch nicht einmal verstanden, was es nicht ist. Er zieht im oben genannten Interview in Bezug auf das Problem des Nicht-Bezahlens von Musik im Internet folgenden Vergleich: „[Es ist] eine Frage des Respekts und Anstands […], nichts im Supermarkt zu klauen, selbst wenn man weiß, dass man nicht erwischt wird.“ und begibt sich damit auf jene Argumentationsebene, welche die Contentindustrie schon seit Jahren nicht transzendieren zu können scheint. Aber warum hat er das nicht verstanden? Womöglich hört er viel zu oft, dass er nichts verstehe, weil er zum alten Eisen gehöre, und das ganze wird dann mit emotional aufgeladenen Wendungen und ideologisch belasteten Begriffen ausgeschmückt. Wer würde sich da nicht gleich instinktiv dazu verleitet fühlen, in den Gegenangriff überzugehen?

Wenn die Diskussion etwas mehr in die Tiefe gehen würde, könnte das ganz anders sein, da ein Übergang vom materiell gebundenen Medium (Buch, Schallplatte,…) hin zum materiell ungebundenen Medium (Digitaltechnik) ein grundlegender Paradigmenwechsel ist, der verstanden werden muss, um daraus konstruktiv Schlüsse ziehen zu können und Wege für die Zukunft zu finden, die alle für die Urheberrechtsproblematik relevanten Parteien zufriedenstellen können.

Ich habe den Eindruck, dass auch progressiv denkende Kreise allzu oft dazu verleitet sind, sich ins Schlachtgetümmel zu stürzen, anstatt zu versuchen, Abstand zu gewinnen, und die kritische Denkfähigkeit einzuschalten. Fragen, wie „Was ist kopieren? Woher kommt es, auch historisch betrachtet? Was bedeutet es in verschiedenen Kulturen und Subkulturen?“ wären da zum Beispiel mögliche Ansätze.

Aber auch die verwendeten Terminologien sollten überarbeitet werden, damit sie ihre ideologische Belastung verlieren und neu gedacht werden können. Wenn man zum Beispiel das übersteigerte Kriminalisierungspotenzial aus „Raubkopie“ herausnehmen möchte, könnte man den Begriff auf „illegale Kopie“ reduzieren. Bei weiterem Nachdenken könnte man dann auch noch erkennen, dass „illegale Kopie“ impliziert, dass bestehendes Recht unumstößlich sei, und dass man vielleicht besser auch seine Absolutheit hinterfragen sollte. Dann müsste man es zum Beispiel irgendwie schaffen, „Kopie, die ohne direktes Einverständnis mit dem Erzeuger des Originals angefertigt wurde“ auf ein einziges Wort zu verkürzen, und so weiter.

FAZIT: SPRACHE ALS GRUNDLAGE VON ERKENNTNIS

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
(Ludwig Wittgenstein, „Tractatus Logico-Philosophicus“)

Im Sinne Wittgensteins denke ich, es ist wichtig, ein komplexes Problem zuerst sprachlich zu erschließen, um es überhaupt verstehen zu können, und eine hohe Sensibilität im Umgang mit den verwendeten Begriffen ist hier wichtig. Auf einer so grundlegenden Ebene anzusetzen, ist meiner Meinung nach besonders deshalb nötig, weil – wie an historischen Beispielen gut festgemacht werden kann – der Übergang von einem medialen Paradigma in das nächste während der Zeit des Übergangs angesichts seiner Komplexität von niemandem richtig verstanden werden kann. Das Urheberrecht und das Phänomen „geistiges Eigentum“ sehen somit von hier aus betrachtet einer diffusen digitalen Zukunft entgegen – da sollte man sich zumindest klar sein, was hier passiert, und was „hier“ überhaupt ist.

DISCLAIMER: I’m writing this post in english on my german blog, because of the simple fact that the current hype about the Digital Bolex – project is happening first and foremost within english language – blogspheres (unless i missed something) … I published the german version here! Also, i marked the nerdy stuff italic, so that all non-camera geeks and video professionals can skip over it quickly (it’s not really necessary for understanding the article!). EDIT: I want to point out, that in this article I use the term „politics“ in a very universal way, and I do that on purpose.

Digital Bolex D16

Digital Bolex D16

When earlier today I read the headline The Digital Bolex D16. Raw 2K for less than a cost of a 5Dmk3?“ on Philip Bloom’s Blog, my first reaction was disbelief and suspicion, i thought: „there’s gotta be something fishy about this“. When I read through the technical specs, this didn’t really change (in short: 2k resolution on a Super 16mm sized CCD chip, 12 bit 4:4:4 Raw Video output in Adobe DNG, TIFF or JPEG; XLR inputs for decent audio; lenses: C-mount as standard, but others – like EF – possible too). For all the non-geeks: The Digital Bolex is supposed to be the no-compromise digital version of a Bolex Super 16mm film camera, which has proven to be capable of producing great movie images, if combined with good lenses and people who know what they are doing. The quality of the video that it records is supposed to compare to that of far more expensive video cameras like the RED Scarlet. I thought to myself: who are these guys, and how do they intend to pull this off for roughly € 2700 US $ 3300? (Sorry, had the wrong exchange rate before, so I think I better keep in the original currency of US $.)
So I looked further and found out some quite interesting facts.

The first one is, that you can actually watch some images of the prototype of the Digital Bolex on the web – here’s a trailer to the first short film shot on that camera:

Here you can find some behind the scenes – footage of the same movie (that one not in HD). (unfortunately both videos aren’t in HD, but Digital Bolex have promised to change that quickly) Those pictures look really promising!

Digging a bit deeper, I found more details – the technical issues are covered quite well by Stu Maschwitz in this Article, where he offers some mostly justified technical concerns, (some of them are cleared up here) and in this one by Philip Bloom, which i already mentioned above. That’s why I won’t go further into the technical side of this in this article. Also, because I promised to talk about the political dimensions of this camera idea (ok, it’s a bit more than an idea, but they haven’t quite pulled it off yet – I certainly hope they will!).

What do I mean by „political dimensions“? Here I have to drift off from the original topic for a moment.

I’m the owner of 2 Canon EOS 550D (aka Rebel T2i) cameras, that produce quite high quality video images at a very low price point (roughly €500 per camera). But it’s not as simple as that. There are many issues with those video DSLR Cameras, that make them less than perfect as video cameras. Ok, one has to admit, they were never really planned to be video cameras in the first place, they merely were laid out to be photo cameras with an additional video function.
But then: along came the indie filmmakers, who had discovered, that those little DSLR things could do some awesome tricks (high quality, high resolution video images, shallow depth of field, incredible low light capabilities – to mention the most important ones) at very low cost. So, they thought to themselves, can’t we really do anything about the shortcomings of the EOS – series and other DSLRs with video capabilities, like limited recording time, fixed video bit rates, fixed frame rates, hardly any live view information displayed, no audio features (sometimes not even level control!) and so on? The geekiest geeks amongst them said: yes, we can! and they programmed a hacked firmware for a few cameras of the EOS series called Magic Lantern, that doesn’t only fix the mentioned shortcomings, but also adds a whole lot of additional feature-goodness, given that you’re ready to install software on your camera that comes with no warranty at all, but still has proven to work tremendously well! Looking at all the things that Magic Lantern added to my 550D, you would have to take A LOT more money into your hands to be offered the same capabilities in a video camera on the free market.
Also, some geeks who are only a bit different from the previous ones, developed color profiles, that would allow the Canon DSLR – using filmmakers to take their images to a whole new level during post production by giving them tremendous dynamic range while preserving details and colours very well (my favourite one currently is the Technicolor Cine Style, but I also use others, like Marvels Advanced).

Enough of the drifting off, let’s start getting back to the point: I described a camera manufacturer (Canon), who builds camera hardware, that is capable of a lot of great stuff, but refuses to implement most of these functions. Why is that a political dimension? Because cheap, good video cameras are an incredibly important factor for people, especially artists, being capable of expressing themselves in a globalized, digital world that’s being increasingly dominated by audio-visual and multi medial communication. Put differently: making audio – visual production equipment affordable is a matter of giving people better means of being heard, which is an important basic principle of communication in a democratic society. So you see: we’re dealing with a highly political topic here.

The free market, of course dominated by the large companies, gives us all the means for professional video production, but at a certain price level only. Great example: the rather new Canon C300, or the RED Camera Series, or the Arri Alexa, just to mention a few.
The small independent filmmakers with their very limited means (hardly any money and other resources) are the ones to deliver professional quality equipment in very affordable price ranges, because they are the only ones with enough interest invested to have that. Magic Lantern and custom colour profiles are entirely free and mostly rely on good will, some voluntary financial support and a few indie filmmakers testing and helping to develop them.

Elle Schneider and Joe Rubinstein

Elle Schneider and Joe Rubinstein

The Digital Bolex will be available at a very low price. That’s because of a political decision, that the makers of this camera (Joe Rubinstein and Elle Schneider) made: being filmmakers themselves, they wanted to offer the possibility of shooting on such a camera to a lot of other filmmakers too, even though they know that they could be charging a lot more for such a camera. This idea fits their business concept very well, which, for one part, is micro funding, (they have launched a very successful campaign on the micro funding platform Kickstarter), and, for the other part, is crowd sourcing (they talk to a lot of people for input on the camera development). By the way, Rubinstein and Schneider explain those things (and a lot more, technical stuff too!) in a very interesting Telephone Interview that Philip Bloom had with them.

Taking a look back at Canon, one could see a different political decision, that this company has taken: it’s decided to protect it’s high end market by not implementing professional grade functions in their cheap, but highly capable hardware. That’s a perfectly understandable and logical decision. Canon would be stupid to do so, looking at some of their main competitors like Nikon, Sony and Panasonic – they don’t do so either – it simply doesn’t work well along with the classic principles of a free global market.

What this all means is: technically, it is no problem to offer cheap professional grade video equipment, even with very few resources at hand (as proven by Magic Lantern and – most likely – by Digital Bolex), but politically it very well is. BUT: politics in that area actually seem to start changing! The interesting thing about that is, that they are not being changed by the very few large policy makers, but by quite a few small ones. EDIT: I want to point out: if this works and maybe even other projects like this follow, it might just have the effect that certain large companies will be forced to overthink their price politics on the area of professional video gear… that’s where the classic principles of a free global market come in handy!
Still, keep in mind, that all this is only about a very small, specialized group of people – the group of independent filmmakers. But also keep in mind, that technical AND social hacking works on a lot of different levels as well.

My conclusion, with the Digital Bolex in mind, is, that maybe we (independent movie guys) might actually be starting to step out of the „dark days“ of video – cinematography on our own terms:

All that’s left to say is that I wish all the best to the Digital Bolex project, I hope they succeed!

Einleitung

Die digitale Medienumwelt – und damit in erster Linie das Internet – haben in den letzten 10 bis 20 Jahren nicht nur die Gesellschaft massiv beeinflusst, sondern auch Anlass dazu gegeben, das Konzept von Realität neu zu überdenken. Das Internet ist nicht einfach eine technische Erfindung, der man sich annehmen kann, die man aber auch ignorieren kann: in unserer Gesellschaft kann man sich nicht ohne weiteres gegen das Internet entscheiden.

Neil Postmans Füllfeder

Neil Postman argumentierte 19991 von seinem Standpunkt als Geistes- und Sozialwissenschaftler aus, dass er weder Computer, noch Internet benötige und beides deshalb auch nicht besitze, weil ihn das Internet nur ablenken, und die komplexe Technik des Computers nur vom Wesentlichen – den geschriebenen, gesprochenen und gedachten sprachlichen Inhalten – abbringen würde. Er beklagt also den drohenden Verlust menschlicher Qualitäten der Kommunikation, welche nur in direkter persönlicher Interaktion – und wenn nötig mit möglichst primitiven und daher auf das Wesentliche reduzierten technischen Hilfsmitteln wie Füllfeder und Papier – richtig zur Geltung kommen könnten.

Es liegt auf der Hand, dass Postmans Haltung ob seiner kategorischen Ablehnung der „neuen Medien“ bereits in der 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf Kritik stieß. Postman meint dazu folgendes:

„Viele benutzen, wenn sie meine Reaktion auf das digitale Zeitalter beschreiben, sogar das Wort „Dinosaurier“. Ich versuche sie dann daran zu erinnern, daß die Dinosaurier hundert Millionen Jahre überlebt haben, und zwar, könnte ich mir vorstellen, vor allem deshalb, weil an ihnen jeder Wandel abgeprallt ist.“2

Um dieses Argument weiterzudenken, sei hier darauf hingewiesen, weshalb die Dinosaurier schließlich dennoch vom Antlitz der Erde verschwanden, nämlich dadurch, dass sich die Lebensbedingungen auf der Erde änderten.3

Der Vergleich mit den Dinosauriern hinkt freilich – schon alleine deshalb, da letztere in keiner Weise die geänderten Lebensbedingungen auf der Erde begreifen, noch etwas gegen ihren damit verbundenen Niedergang unternehmen konnten. Postman hingegen setzt sich sehr wohl mit der Frage auseinander, wie die digitale Medienumwelt die Gesellschaft verändern könnte, und warnt dabei auch vehement vor möglichen negativen Folgen. Dabei könnte jedoch eben diese konsequent kritische Haltung auch ein Problem darstellen: Kann Postman die Auswirkungen eines Kommunikationsphänomens in voller Tragweite beurteilen, wenn er sich ihm selbst nicht aussetzt und Konzepte wie „virtuelle Realität“ und „virtuelle Gemeinschaften“ – überspitzt formuliert – nur vom Hören sagen kennt?

Streitfall Internet

Manuel Castells legt 2001 in „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“4 durch die Aufzählung verschiedenster soziologischer Untersuchungen und Theorien über die Gesellschaftlichen Auswirkungen des Internets dar, dass keine generalisierenden Aussagen getroffen werden können – dafür ist das Internet in vielerlei Hinsicht ein zu komplexes und vielschichtiges Phänomen. So stehen zum Beispiel Untersuchungen, die besagen, das Internet würde durch Isolierung von der physischen Gemeinschaft anderer zur Vereinsamung des Individuums führen, anderen Untersuchungen gegenüber, die das Gegenteil behaupten, indem sie argumentieren, dass virtuelle Gemeinschaften als stärkend für die Struktur lokaler Gemeinschaften dienen können.

Dazu muss auch der Faktor berücksichtigt werden, dass Castells Untersuchungen und Theorien zitiert, die über viele Jahre verteilt entstanden sind – viele davon stammen aus den 1990er Jahren. Somit beziehen sie sich auf ein Internet der Vergangenheit, welches angesichts der Tatsache, dass sich Computertechnologien und deren Anwendungsmöglichkeiten rasant weiterentwickeln, oft nicht mehr viel mit dem Internet des Jahres 2008 zu tun hat. So ist das viel diskutierte gesellschaftliche Phänomen der technisch institutionalisierten sozialen Vernetzung einer immensen Masse von Internetusern durch so genannte „Social Networking“ – Plattformen bei Castells nirgends berücksichtigt – es handelt sich schlichtweg um ein Phänomen, das jünger als Castells‘ Text ist.

Deshalb soll hier auch nicht weiter auf konkrete soziologische Untersuchungen und Theorien eingegangen werden – Castells bietet nämlich auch allgemeine Betrachtungen struktureller Natur, die sich auf interessante Weise mit der oben beschriebenen Position Postmans verknüpfen lassen.

Manuel Castells und die reale Virtualität

Ausgehend davon, dass Kulturen aus Kommunikationsprozessen bestehen, bezieht sich Manuel Castells auf die Lehre der Zeichen nach Roland Barthes und Jean Baudrillard. Das Prinzip lautet hier, dass Kommunikation mit der Konsumption und Produktion von Zeichen gleichzusetzen ist, was so zu verstehen ist, dass die Menschen in einer Welt von Zeichen – einer symbolischen Umwelt – existieren, da von keiner „referenziellen Wirklichkeit“ ausgegangen werden kann. In diesem Zusammenhang kann auch Ernst Cassirer zitiert werden – er erklärt die Rolle des Menschen in diesem Konstrukt folgendermaßen:

„Er lebt so sehr in sprachlichen Formen, in Kunstwerken, in mythischen Symbolen, daß er nichts erfahren oder erblicken kann, außer durch Zwischenschaltung dieser künstlichen Medien.“5

In dieser Weise betrachtet Castells nun die symbolische Umwelt der neuen Medien, wobei er davon ausgeht, dass im digitalen Universum „die meisten kulturellen Ausdrucksformen in all ihrer Verschiedenheit zusammen kommen“6 – dabei würde der „Trennung oder selbst der Unterscheidung zwischen audiovisuellen und gedruckten Medien, populärer und gelehrter Kultur, Unterhaltung und Information, Bildung und Überredung“7 ein Ende bereitet.

„Das historisch spezifische an dem neuen Kommunikationssystem, das um die elektronische Integration aller Kommunikationsweisen von der typografischen bis zur multisensorischen herum organisiert ist, ist daher nicht die Einführung einer virtuellen Realität, sondern die Konstruktion realer Virtualität.“8

Erfahrene Wirklichkeit war also immer schon virtuell – „virtuelle Realität“ in diesem Sinne ist so alt wie die menschliche Kommunikation.

In Castells „realer Virtualität“ hingegen ist die Wirklichkeit, die materielle Existenz des Menschen, komplett in die Welt der virtuellen Bilder eingetaucht – ein umfassendes Spektrum menschlicher Erfahrung ist in den „Multimedia-Text“9 integriert. Dieses breite Spektrum der Erfahrung wird also nicht bloß durch vermittelte Inhalte kommuniziert – die Inhalte werden selbst zur Erfahrung.

Dieser Umstand lässt sich ganz einfach dadurch begründen, dass die weltweiten Datennetze ihrer Natur nach auf interaktiver Kommunikation basieren: Interaktivität bedeutet, von einem Ort der Erde auf einen anderen, beliebig weit entfernten Ort in Echtzeit eine Wirkung auszuüben. Eine virtuelle, immaterielle Welt, in der Raum und Zeit überwunden sind, wird damit real, daher „reale Virtualität“.

Angst vor neuen Spielregeln

In den vergangenen 10 bis 15 Jahren ist diese Virtualität zu einer derart weitläufigen, bedeutenden Realität geworden, einer Realität, die immer mehr kulturelle Ausdrucksformen auf komplexe Weise miteinander vereint und dadurch wiederum neue kulturelle Ausdrucksformen hervorbringt, die ohne diese komplexen Vereinigungsprozesse gar nicht möglich wären, dass Menschen, die sich vor diesem Phänomen verschließen, sich damit auch vor einer kulturell sehr bedeutenden Dimension der Realität verschließen – eine Dimension, die sehr stark auf kulturelle Identitätsbildung Einfluss nimmt. Es entstehen neue Regeln und Voraussetzungen, das Blatt wird neu gemischt, und wer nicht mitspielt, wird das Spiel auch nicht erlernen.

Neil Postman gilt – wie bereits erwähnt – als ein vehementer Kritiker der digitalen Medien. Kritik ist eine gute und vor allem Notwendige Sache, die besonders für die Handhabung eines neuen Mediums für eine Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist.

In einem Interview legt Postman folgende Fragestellungen für die Bewertung einer Medientechnik dar:

„I think […] everyone should be sensitive to certain questions, for example, when confronted with a new technology, whether it’s a cellular phone or a high definition – television or cyberspace […], the question – or one question – should be: ‚What is the problem, to which this technology is a solution?‘ And the second question would be: ‚Who’s problem is it actually?‘ And the third question would be: ‚If there is a legitimate problem here, that is solved by the technology, what other problems will be created by my using this technology?'“10

Das gesamte Interview auf youtube:

Inwiefern die ersten beiden Fragen in Zusammenhang mit dem Internet sinnvoll sind, ist ein Problem, auf das hier nicht näher eingegangen werden soll. Die dritte Frage allerdings behandelt ein wichtiges Thema, nämlich welche Probleme das neue Medium hervorrufen könnte. Wie man eine solche Fragestellung zu unterschiedlichsten Themen, aus verschiedensten Blickwinkeln behandeln könnte, wurde oben schon angedeutet.

Neil Postman wandte sich der Frage auf eine andere Weise zu, nämlich – wie gesagt – ohne sich selbst auf das Medium wirklich einzulassen. Er selbst bringt ein Beispiel, welches ihm in diesem Zusammenhang zur Kritik gereichen soll:

„Nach meiner Meinung reicht es nicht, wenn man sagt, daß jeder technologische Wandel zu unvorhersehbaren Folgen führt. Das ist eine Trivialität. Wie steht es aber mit den vorhersehbaren Folgen? […] Wäre es 1947 nicht möglich gewesen, die negativen Konsequenzen des Fernsehens für unsere Politik und unsere Kinder vorauszusehen? Und wenn solche Konsequenzen uns klar vor Augen stünden und einigermaßen beunruhigend erschienen, wäre es nicht möglich gewesen, uns durch eine entsprechende Sozialpolitik, durch politisches Handeln oder durch Erziehung auf sie vorzubereiten und ihre Wirkung zu mildern?“11

Bestimmt wäre es 1947 möglich gewesen, gewisse Konsequenzen vorauszuahnen, wenn man sich eingehend genug mit der Natur und der Wirkungsweise des Mediums beschäftigt hätte, doch wie soll man denn nun eine neue Technologie in ihren Auswirkungen erfassen können, wenn man nicht auf alle erdenkliche Weisen versucht, sie zu verstehen?

Für Postman kam jedenfalls nur eine Kritik rein phänomenologischer Natur in Frage, da er Menschen beobachten konnte, die vor Bildschirmen saßen, ebenso wie das, was auf den Bildschirmen zu sehen war, und außerdem konnte er sich von ihnen auch darüber erzählen lassen.

So konnte er zum Beispiel Vereinsamung und soziale Abschottung beobachten, da er in der „Realität“ (nach Castells: „virtuelle Realität“) stehend das Phänomen des vor dem Bildschirm sitzenden Menschen eben nur im Kontext mit der „realen“, materiellen Welt beurteilen konnte – er konnte das Phänomen der „realen Virtualität“ wohl nicht gänzlich nachvollziehen, ihm fehlte das direkte Erfahren der virtuellen Inhalte beziehungsweise Botschaften.

So konnte er womöglich das Internet als ein Mittel zur zwischenmenschlichen Kommunikation etwa im Sinne eines Telefons mit erweiterten Möglichkeiten betrachten, doch es ist zweifelhaft, ob er das Internet als eine Art Hexenküche der kulturellen Ausdrucksformen begreifen konnte.

Könnte Postmans ablehnende Haltung etwas mit einer gewissen Angst von dem Neuen zu tun haben?
Angela Spahr beschreibt in einer Einführung zu Marshall McLuhans Medientheorie seinen Standpunkt zur Problematik folgendermaßen:

„Das 20. Jahrhundert ist für McLuhan eine Zeit des Übergangs. Es befindet sich an der Grenze zweier Kulturen, denn die Gutenberg-Galaxis wurde zwar abgelöst, aber Wahrnehmungsschemata verschwinden nicht ad hoc, sondern überleben die eigene Gültigkeit […]. Phasen kultureller Umbrüche sind schwer zu bewältigen, denn der Zerfall der tradierten Kultur wirkt bedrohlich, ruft Verwirrung, Desorientierung und Hilflosigkeit hervor, das Neue erzeugt Angst […]. […] Aus dieser Perspektive wären heute verbreitete kulturkritische und -pessimistische Theorien der neuen Medien, die auf dem höheren Wert der Buchkultur beharren, nutzlos und anachronistisch. Neil Postmans Ansatz zum Beispiel wäre demnach auf dem erkenntnistheoretischen Boden der Gutenberg-Galaxis zu verorten. McLuhan bezeichnet das rückwärts gewandte Denken als gefährlich, denn es verstärkt die Angst und enthält den Menschen das entscheidende Wissen über Medien vor […].“12

Nachwort

Um das Prinzip der Angst vor dem Neuen noch einmal konkreter zu verdeutlichen, sei abschließend kurz auf den Schriftsteller und Journalisten Peter Roos eingegangen, der 2008 in einem Feuilleton-Artikel in der Tageszeitung „Der Standard“ über sein Verhältnis zum Computer berichtet, dessen Verwendung er sich – ähnlich wie Postman13 – sehr lange verweigert hatte.

Roos beschreibt lebhaft und mit Anekdoten gewürzt sein langjähriges inniges Verhältnis zu Papier, Füllfeder und Schreibmaschine. Er beschreibt, wie er über die Jahre hinweg, zunächst – in den 80er Jahren – nur sporadisch, dann in den 90er Jahren und darüber hinaus immer häufiger in seinem Umfeld auf Unverständnis stieß, warum er denn über keinen Computer verfüge, was sich in ihm bis zu einem Punkt aufschaukelte, an dem er nachgab und sich einen Computer anschaffte (er weist am Ende des Artikels darauf hin, dass er eben jenen am Computer verfasst habe).

„Von Anfang an habe ich DEN COMPUTER als Bedrohung empfunden. Plötzlich gab es ihn. […] Warum hatte ich nichts bemerkt? Wo ich mich doch für einen der größten Wahrnehmungsgeier halte, dem angeblich nahezu Nichts entgeht? Eine Revolution nicht bemerkt. Ich? Revolution? […]
Es war passiert.
Was war geschehen?
Schlug zu meine Technikfeindlichkeit? Die uralten psychodramatischen Schul-Noten 4, 5 und 6 in Chemie, Mathe, Physik? Schlug zu Großvater Paul, der Kirchenmusiker, für den nach Bach die Musik aufhörte, Beethoven Bedrohung war? Oder war’s Vater, der zuschlug mit seiner Ideosynkrasie gegenüber dem Telefon?
Es war die reine Angst.
Der Computer war die bisher größte Bedrohung meines Lebens von außen. Wie Krieg. Fassungslos, als ich realisierte, was da auf meine Lebensbahn eingeschert war.“14

Die Realität holt wohl früher oder später jeden noch so vehementen Zauderer ein; man ist an dieser Stelle verleitet, darüber zu spekulieren, ob vielleicht auch Neil Postman irgendwann einen Computer benutzt hätte, hätte er lange genug gelebt.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass man erst dann richtig vor Gefahren warnen kann, wenn man auch eine Idee davon hat, ob diese Gefahren auch der Realität entsprechen können, im spezifischen Fall besser: der „realen Virtualität“.

1Postman, Neil: „Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert.“ Aus dem Amerikanischen von H. Jochen Bußmann. Berlin: BvT, 1999.

2Postman 1999. S. 70.

3Um die möglichen Ursachen dafür ranken sich vielfältige Theorien.

4Castells, Manuel: „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft: Teil I der Trilogie. Das Informationszeitalter.“ Übersetzt von Reinhard Kößler. Opladen: Leske + Budrich, 2001.

5Cassirer, Ernst: „Was ist der Mensch? Versuch einer Philosophie der menschlichen Kultur.“ Stuttgart, 1960.

6Castells 2001. S. 425.

7Ebd.

8Ebd.

9„Multimedia“ weist auf den integrativen Charakter der digitalen Medien hin, die ihrer Anlage nach alle analogen Kommunikationsmedien in sich vereinen. „Text“ bedeutet hier also nicht nur Schrift, sondern die vereinigte Gesamtheit der Kommunikationsformen.

10Aus: Interview mit Neil Postman, geführt von Charlene Hunter Gault, „The MacNeil/Lehrer NewsHour“, PBS 1995. Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=49rcVQ1vFAY – Zugriff am 12.9.2008.

11Postman 1999. S. 63.

12Spahr, Angela: „Magische Kanäle. Marshall McLuhan.“ in: Kloock, Daniela; Spahr, Angela (Hg.): „Medientheorien. Eine Einführung.“ 3., aktualisierte Auflage 2007. Paderborn 2000. S. 70.

13Postman starb 2003; ob er in den Jahren vor seinem Tod seine persönliche Einstellung zu Computern und dem Internet geändert hat, bleibt zu bezweifeln.

14Roos, Peter: „Der Computer und ich“. In: Der Standard Album, Samstag, 6. September 2008. S. A1, A2.

Appell an das Schulbildungswesen

„Die Muster der Produktion, Reproduktion und Distribution kultureller Inhalte haben sich vermutlich nie zuvor in der Geschichte so radikal und in so kurzer Zeit verändert, wie dies in den letzten Jahrzehnten geschehen ist. Die Strategien kultureller Vermittlung – und ihre pädagogischen Mittel, die Medienkompetenz aufbauen sollen – entsprechen dieser Veränderung definitiv noch nicht, allzu sehr sind sie noch den Mythen der Buchkultur (Michael Giesecke) verpflichtet.“1
Diese von Frank Hartmann geschilderte Situation soll hier als Ausgangspunkt für eine kurze Betrachtung darüber genutzt werden, wie digitale Medien die Art und Weise, wie in unserer Kultur Wissen vermittelt wird, beeinflussen, wobei insbesondere das Schulbildungswesen unter die Lupe genommen werden soll.

Während manche noch immer diskutieren, ob es nicht besser wäre, den Computer aus unseren Schulen zu verbannen, wird wertvolle Zeit und Energie vergeudet, die dringend in eine Diskussion investiert werden müsste, die klären sollte, wie man wohl unseren Kindern und Jugendlichen am besten einen Umgang mit diesem „Schreckgespenst neue Medien“ lehren könne – schließlich lässt es sich ohnehin nicht mehr austreiben.

Denn dass wir in einer sich schnell verändernden Welt mit ganz neuen medialen Voraussetzungen leben, mussten wohl bereits die konservativsten Zweifler akzeptieren – im allgemeinen Diskurs spricht man dabei von der „Informationsgesellschaft“.

Michael Giesecke plädiert für eine „kulturelle Informati[onstechni]k und die Fähigkeit, die Informationsgesellschaft als eine Phase in der Evolution der Kommunikation zu betrachten, die vor allem durch
– Synästhesie,
– Multimedialität,
– massive multiprozessorale Parallelverarbeitung von Informationen,
– rückkopplungsintensive Interaktion,
– dezentrale, flexible, globale Vernetzung,
– Selbstorganisation und -kontrolle
gekennzeichnet ist.“2

Eine „kulturelle Informatik“ soll also – im Gegensatz zur technischen – die kulturellen Voraussetzungen ergründen, welche unsere Informationsgesellschaft mit sich bringt.

In die Schule – eine der behäbigsten und konservativsten Institutionen unserer Gesellschaft – muss folgerichtig besonders viel Mühe investiert werden, um dem gerecht zu werden.

So wichtig – ja essenziell! – es ist, die Werte eines humanistisch-aufklärerischen Bildungsethos aus dem 19. Jahrhundert zu kennen und zu vermitteln, um zu verstehen, wo wir herkommen, so wichtig ist es auch, zu erkennen, dass dieses Ethos nicht nur aus dem 19. Jahrhundert kommt, sondern auch dort hin gehört.

Denn, um wieder mit Giesecke zu sprechen, unterscheidet sich die Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts von der alten Buchkultur unter anderem darin, dass in ihr „Die monomediale, sprachlich oder mathematisch normierte Darstellung von Wissen […] durch multimediale und assoziative Informationsdarstellungen ergänzt [wird].“3

Was das nun heißen kann, soll an einem Beispiel illustriert werden.

Dass sich Information von der sprachlichen auf die visuelle Ebene verlagert, also vom Geschriebenen zum Bild, Video, Computerspiel etc., wird in einem Theoriegebilde beschrieben, welches sich als „Iconic Turn“4 („Ikonische Wende“) bezeichnet.

Kinder und Jugendliche wachsen heute ganz natürlich in digitalen Bilderwelten wie z.B. Computerspielen auf, die ältere Generation ist davon ausgeschlossen und reagiert verunsichert und verständnislos. Kein Wunder, dass die heutigen LehrerInnengeneration sich überfordert fühlt.

Der deutsche Journalist Mark Terkessidis führt aus: „Statt Computerspiele regelmäßig zum Objekt einer moralischen Erregung zu machen, wäre es notwendig, den Kindern eine Art „popkulturelle Alphabetisierung“ zu ermöglichen, die ihnen den selbstbewussten Umgang mit den Spielen ermöglicht. Um dann jene Fertigkeiten weiter zu fördern, die das Spielen mit dem Computer hervorbringt – Lesekompetenz in Sachen Bilder, Vertrautheit mit technischen Details, Geschicklichkeit und Koordination.“5
Bilder verstehen und interpretieren zu lernen, in ihnen kulturelle Codes identifizieren zu können ist somit eine der neue Schlüsselqualifikation, die es den Menschen ermöglicht, nicht im Dschungel der Bilderflut unterzugehen und sich in der Unzahl an Medienkanälen zu verlieren.

Der österreichische Journalist Ernst Schmiederer erläutert, „dass die Sozialisierung und Prägung durch eine große Anzahl an Kanälen und Medien heutzutage kein Nachteil ist, sondern eine Stärke, eine Vorbereitung also fürs weitere Leben.“6

Neue Medien erfordern auch eine neue Art von Kritikfähigkeit an ihnen, denn die Notwendigkeit, die Dinge zu hinterfragen, hat sich seit der Aufklärung nicht geändert.

Es geht also um neue Formen des Wissens, denen alte Formen der Wissensvermittlung nicht mehr gerecht werden können, die aber nicht nur nicht wegzuleugnen sind, sondern immer immanenter werden, je länger die Verantwortlichen in diversen Bildungsinstitutionen sie ignorieren.

Berührungsängste mit dem Neuen sind ein durchgängiges Verhaltensmuster in der Geschichte der Entwicklung menschlicher Kulturen. Die „alte“ Generation steht nun also vor der dringlichen Aufgabe, diese Angst zu überwinden, weil das der einzige Weg sein wird, ein graduelles Versagen des Bildungssystems zu verhindern, das aktuell eine Generation beheimatet, welche die neuen Medienrealitäten bereits unwiderruflich inkorporiert hat.

Somit geht es nicht nur darum, was gelehrt wird, sondern auch wie gelehrt wird: „Die „populäre“ Kultur – ein Netzwerk von Versammlungsorten, Stilcodes und Vergnügungsformen – könnte man durchaus als einen Lernzusammenhang begreifen, in dem alternative Formen von Wissen weitergegeben werden.“7

Oder allgemeiner, wie Michael Giesecke ausführt: „Der Versuch, den Idealen der Buchkultur im 21. Jahrhundert ihren angestammten Platz zu erhalten, vorhandene Strukturen duch Digitalisierung, E-Learning und elektronische Vernetzung zu optimieren, scheint unvermeidbar, aber lenkt von den eigentlichen Potentialen der neuen Medien eher ab. Erforderlich ist ein grundsätzlich neues Verständnis von Kommunikation, Wissen und Informationsverarbeitung.“8

Deshalb: Keine Angst vor dem scheinbar Trivialen! Alternative Wissensbestände und informelle Wissenszusammenhänge dürfen nicht länger aus der Institution Schule verbannt bleiben, eignet euch Wissen über Wissen an!

Oder, um in der Diktion eines der alten Aufklärer zu sprechen: Tretet heraus aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit und steigt tapfer in den Diskurs um ein zeitgemäßes Bildungssystem ein!

1Hartmann, Frank: „Multimedia.“ 1. Aufl., Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG, 2008, S. 112.

2Giesecke, Michael: „Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie.“ 1. Aufl., Orig.-Ausg. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002, S. 17-18.

3Ebd., S. 17.

4Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Iconic_turn

5Terkessidis, Mark: „Was wollen wir wissen?“ (Kommentar). In: taz vom 26.5.2007, S. 20-21. Eine „popkulturelle Alphabetisierung“ bezieht sich natürlich auch auf andere Bereiche, wie Musik, Filme, Comics, Fernsehserien etc.

6Schmiederer, Ernst: „Viele Bilder, gute Spiele.“ In: thegap. Magazin für Popkultur. No. 090, Oktober 2008, S. 40.

7Terkessidis 2007.

8Giesecke, Michael: „Die Entdeckung der kommunikativen Welt. Studien zur vergleichenden Mediengeschichte.“ Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007, S. 481.

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