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Einleitung

Die digitale Medienumwelt – und damit in erster Linie das Internet – haben in den letzten 10 bis 20 Jahren nicht nur die Gesellschaft massiv beeinflusst, sondern auch Anlass dazu gegeben, das Konzept von Realität neu zu überdenken. Das Internet ist nicht einfach eine technische Erfindung, der man sich annehmen kann, die man aber auch ignorieren kann: in unserer Gesellschaft kann man sich nicht ohne weiteres gegen das Internet entscheiden.

Neil Postmans Füllfeder

Neil Postman argumentierte 19991 von seinem Standpunkt als Geistes- und Sozialwissenschaftler aus, dass er weder Computer, noch Internet benötige und beides deshalb auch nicht besitze, weil ihn das Internet nur ablenken, und die komplexe Technik des Computers nur vom Wesentlichen – den geschriebenen, gesprochenen und gedachten sprachlichen Inhalten – abbringen würde. Er beklagt also den drohenden Verlust menschlicher Qualitäten der Kommunikation, welche nur in direkter persönlicher Interaktion – und wenn nötig mit möglichst primitiven und daher auf das Wesentliche reduzierten technischen Hilfsmitteln wie Füllfeder und Papier – richtig zur Geltung kommen könnten.

Es liegt auf der Hand, dass Postmans Haltung ob seiner kategorischen Ablehnung der „neuen Medien“ bereits in der 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts auf Kritik stieß. Postman meint dazu folgendes:

„Viele benutzen, wenn sie meine Reaktion auf das digitale Zeitalter beschreiben, sogar das Wort „Dinosaurier“. Ich versuche sie dann daran zu erinnern, daß die Dinosaurier hundert Millionen Jahre überlebt haben, und zwar, könnte ich mir vorstellen, vor allem deshalb, weil an ihnen jeder Wandel abgeprallt ist.“2

Um dieses Argument weiterzudenken, sei hier darauf hingewiesen, weshalb die Dinosaurier schließlich dennoch vom Antlitz der Erde verschwanden, nämlich dadurch, dass sich die Lebensbedingungen auf der Erde änderten.3

Der Vergleich mit den Dinosauriern hinkt freilich – schon alleine deshalb, da letztere in keiner Weise die geänderten Lebensbedingungen auf der Erde begreifen, noch etwas gegen ihren damit verbundenen Niedergang unternehmen konnten. Postman hingegen setzt sich sehr wohl mit der Frage auseinander, wie die digitale Medienumwelt die Gesellschaft verändern könnte, und warnt dabei auch vehement vor möglichen negativen Folgen. Dabei könnte jedoch eben diese konsequent kritische Haltung auch ein Problem darstellen: Kann Postman die Auswirkungen eines Kommunikationsphänomens in voller Tragweite beurteilen, wenn er sich ihm selbst nicht aussetzt und Konzepte wie „virtuelle Realität“ und „virtuelle Gemeinschaften“ – überspitzt formuliert – nur vom Hören sagen kennt?

Streitfall Internet

Manuel Castells legt 2001 in „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“4 durch die Aufzählung verschiedenster soziologischer Untersuchungen und Theorien über die Gesellschaftlichen Auswirkungen des Internets dar, dass keine generalisierenden Aussagen getroffen werden können – dafür ist das Internet in vielerlei Hinsicht ein zu komplexes und vielschichtiges Phänomen. So stehen zum Beispiel Untersuchungen, die besagen, das Internet würde durch Isolierung von der physischen Gemeinschaft anderer zur Vereinsamung des Individuums führen, anderen Untersuchungen gegenüber, die das Gegenteil behaupten, indem sie argumentieren, dass virtuelle Gemeinschaften als stärkend für die Struktur lokaler Gemeinschaften dienen können.

Dazu muss auch der Faktor berücksichtigt werden, dass Castells Untersuchungen und Theorien zitiert, die über viele Jahre verteilt entstanden sind – viele davon stammen aus den 1990er Jahren. Somit beziehen sie sich auf ein Internet der Vergangenheit, welches angesichts der Tatsache, dass sich Computertechnologien und deren Anwendungsmöglichkeiten rasant weiterentwickeln, oft nicht mehr viel mit dem Internet des Jahres 2008 zu tun hat. So ist das viel diskutierte gesellschaftliche Phänomen der technisch institutionalisierten sozialen Vernetzung einer immensen Masse von Internetusern durch so genannte „Social Networking“ – Plattformen bei Castells nirgends berücksichtigt – es handelt sich schlichtweg um ein Phänomen, das jünger als Castells‘ Text ist.

Deshalb soll hier auch nicht weiter auf konkrete soziologische Untersuchungen und Theorien eingegangen werden – Castells bietet nämlich auch allgemeine Betrachtungen struktureller Natur, die sich auf interessante Weise mit der oben beschriebenen Position Postmans verknüpfen lassen.

Manuel Castells und die reale Virtualität

Ausgehend davon, dass Kulturen aus Kommunikationsprozessen bestehen, bezieht sich Manuel Castells auf die Lehre der Zeichen nach Roland Barthes und Jean Baudrillard. Das Prinzip lautet hier, dass Kommunikation mit der Konsumption und Produktion von Zeichen gleichzusetzen ist, was so zu verstehen ist, dass die Menschen in einer Welt von Zeichen – einer symbolischen Umwelt – existieren, da von keiner „referenziellen Wirklichkeit“ ausgegangen werden kann. In diesem Zusammenhang kann auch Ernst Cassirer zitiert werden – er erklärt die Rolle des Menschen in diesem Konstrukt folgendermaßen:

„Er lebt so sehr in sprachlichen Formen, in Kunstwerken, in mythischen Symbolen, daß er nichts erfahren oder erblicken kann, außer durch Zwischenschaltung dieser künstlichen Medien.“5

In dieser Weise betrachtet Castells nun die symbolische Umwelt der neuen Medien, wobei er davon ausgeht, dass im digitalen Universum „die meisten kulturellen Ausdrucksformen in all ihrer Verschiedenheit zusammen kommen“6 – dabei würde der „Trennung oder selbst der Unterscheidung zwischen audiovisuellen und gedruckten Medien, populärer und gelehrter Kultur, Unterhaltung und Information, Bildung und Überredung“7 ein Ende bereitet.

„Das historisch spezifische an dem neuen Kommunikationssystem, das um die elektronische Integration aller Kommunikationsweisen von der typografischen bis zur multisensorischen herum organisiert ist, ist daher nicht die Einführung einer virtuellen Realität, sondern die Konstruktion realer Virtualität.“8

Erfahrene Wirklichkeit war also immer schon virtuell – „virtuelle Realität“ in diesem Sinne ist so alt wie die menschliche Kommunikation.

In Castells „realer Virtualität“ hingegen ist die Wirklichkeit, die materielle Existenz des Menschen, komplett in die Welt der virtuellen Bilder eingetaucht – ein umfassendes Spektrum menschlicher Erfahrung ist in den „Multimedia-Text“9 integriert. Dieses breite Spektrum der Erfahrung wird also nicht bloß durch vermittelte Inhalte kommuniziert – die Inhalte werden selbst zur Erfahrung.

Dieser Umstand lässt sich ganz einfach dadurch begründen, dass die weltweiten Datennetze ihrer Natur nach auf interaktiver Kommunikation basieren: Interaktivität bedeutet, von einem Ort der Erde auf einen anderen, beliebig weit entfernten Ort in Echtzeit eine Wirkung auszuüben. Eine virtuelle, immaterielle Welt, in der Raum und Zeit überwunden sind, wird damit real, daher „reale Virtualität“.

Angst vor neuen Spielregeln

In den vergangenen 10 bis 15 Jahren ist diese Virtualität zu einer derart weitläufigen, bedeutenden Realität geworden, einer Realität, die immer mehr kulturelle Ausdrucksformen auf komplexe Weise miteinander vereint und dadurch wiederum neue kulturelle Ausdrucksformen hervorbringt, die ohne diese komplexen Vereinigungsprozesse gar nicht möglich wären, dass Menschen, die sich vor diesem Phänomen verschließen, sich damit auch vor einer kulturell sehr bedeutenden Dimension der Realität verschließen – eine Dimension, die sehr stark auf kulturelle Identitätsbildung Einfluss nimmt. Es entstehen neue Regeln und Voraussetzungen, das Blatt wird neu gemischt, und wer nicht mitspielt, wird das Spiel auch nicht erlernen.

Neil Postman gilt – wie bereits erwähnt – als ein vehementer Kritiker der digitalen Medien. Kritik ist eine gute und vor allem Notwendige Sache, die besonders für die Handhabung eines neuen Mediums für eine Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist.

In einem Interview legt Postman folgende Fragestellungen für die Bewertung einer Medientechnik dar:

„I think […] everyone should be sensitive to certain questions, for example, when confronted with a new technology, whether it’s a cellular phone or a high definition – television or cyberspace […], the question – or one question – should be: ‚What is the problem, to which this technology is a solution?‘ And the second question would be: ‚Who’s problem is it actually?‘ And the third question would be: ‚If there is a legitimate problem here, that is solved by the technology, what other problems will be created by my using this technology?'“10

Das gesamte Interview auf youtube:

Inwiefern die ersten beiden Fragen in Zusammenhang mit dem Internet sinnvoll sind, ist ein Problem, auf das hier nicht näher eingegangen werden soll. Die dritte Frage allerdings behandelt ein wichtiges Thema, nämlich welche Probleme das neue Medium hervorrufen könnte. Wie man eine solche Fragestellung zu unterschiedlichsten Themen, aus verschiedensten Blickwinkeln behandeln könnte, wurde oben schon angedeutet.

Neil Postman wandte sich der Frage auf eine andere Weise zu, nämlich – wie gesagt – ohne sich selbst auf das Medium wirklich einzulassen. Er selbst bringt ein Beispiel, welches ihm in diesem Zusammenhang zur Kritik gereichen soll:

„Nach meiner Meinung reicht es nicht, wenn man sagt, daß jeder technologische Wandel zu unvorhersehbaren Folgen führt. Das ist eine Trivialität. Wie steht es aber mit den vorhersehbaren Folgen? […] Wäre es 1947 nicht möglich gewesen, die negativen Konsequenzen des Fernsehens für unsere Politik und unsere Kinder vorauszusehen? Und wenn solche Konsequenzen uns klar vor Augen stünden und einigermaßen beunruhigend erschienen, wäre es nicht möglich gewesen, uns durch eine entsprechende Sozialpolitik, durch politisches Handeln oder durch Erziehung auf sie vorzubereiten und ihre Wirkung zu mildern?“11

Bestimmt wäre es 1947 möglich gewesen, gewisse Konsequenzen vorauszuahnen, wenn man sich eingehend genug mit der Natur und der Wirkungsweise des Mediums beschäftigt hätte, doch wie soll man denn nun eine neue Technologie in ihren Auswirkungen erfassen können, wenn man nicht auf alle erdenkliche Weisen versucht, sie zu verstehen?

Für Postman kam jedenfalls nur eine Kritik rein phänomenologischer Natur in Frage, da er Menschen beobachten konnte, die vor Bildschirmen saßen, ebenso wie das, was auf den Bildschirmen zu sehen war, und außerdem konnte er sich von ihnen auch darüber erzählen lassen.

So konnte er zum Beispiel Vereinsamung und soziale Abschottung beobachten, da er in der „Realität“ (nach Castells: „virtuelle Realität“) stehend das Phänomen des vor dem Bildschirm sitzenden Menschen eben nur im Kontext mit der „realen“, materiellen Welt beurteilen konnte – er konnte das Phänomen der „realen Virtualität“ wohl nicht gänzlich nachvollziehen, ihm fehlte das direkte Erfahren der virtuellen Inhalte beziehungsweise Botschaften.

So konnte er womöglich das Internet als ein Mittel zur zwischenmenschlichen Kommunikation etwa im Sinne eines Telefons mit erweiterten Möglichkeiten betrachten, doch es ist zweifelhaft, ob er das Internet als eine Art Hexenküche der kulturellen Ausdrucksformen begreifen konnte.

Könnte Postmans ablehnende Haltung etwas mit einer gewissen Angst von dem Neuen zu tun haben?
Angela Spahr beschreibt in einer Einführung zu Marshall McLuhans Medientheorie seinen Standpunkt zur Problematik folgendermaßen:

„Das 20. Jahrhundert ist für McLuhan eine Zeit des Übergangs. Es befindet sich an der Grenze zweier Kulturen, denn die Gutenberg-Galaxis wurde zwar abgelöst, aber Wahrnehmungsschemata verschwinden nicht ad hoc, sondern überleben die eigene Gültigkeit […]. Phasen kultureller Umbrüche sind schwer zu bewältigen, denn der Zerfall der tradierten Kultur wirkt bedrohlich, ruft Verwirrung, Desorientierung und Hilflosigkeit hervor, das Neue erzeugt Angst […]. […] Aus dieser Perspektive wären heute verbreitete kulturkritische und -pessimistische Theorien der neuen Medien, die auf dem höheren Wert der Buchkultur beharren, nutzlos und anachronistisch. Neil Postmans Ansatz zum Beispiel wäre demnach auf dem erkenntnistheoretischen Boden der Gutenberg-Galaxis zu verorten. McLuhan bezeichnet das rückwärts gewandte Denken als gefährlich, denn es verstärkt die Angst und enthält den Menschen das entscheidende Wissen über Medien vor […].“12

Nachwort

Um das Prinzip der Angst vor dem Neuen noch einmal konkreter zu verdeutlichen, sei abschließend kurz auf den Schriftsteller und Journalisten Peter Roos eingegangen, der 2008 in einem Feuilleton-Artikel in der Tageszeitung „Der Standard“ über sein Verhältnis zum Computer berichtet, dessen Verwendung er sich – ähnlich wie Postman13 – sehr lange verweigert hatte.

Roos beschreibt lebhaft und mit Anekdoten gewürzt sein langjähriges inniges Verhältnis zu Papier, Füllfeder und Schreibmaschine. Er beschreibt, wie er über die Jahre hinweg, zunächst – in den 80er Jahren – nur sporadisch, dann in den 90er Jahren und darüber hinaus immer häufiger in seinem Umfeld auf Unverständnis stieß, warum er denn über keinen Computer verfüge, was sich in ihm bis zu einem Punkt aufschaukelte, an dem er nachgab und sich einen Computer anschaffte (er weist am Ende des Artikels darauf hin, dass er eben jenen am Computer verfasst habe).

„Von Anfang an habe ich DEN COMPUTER als Bedrohung empfunden. Plötzlich gab es ihn. […] Warum hatte ich nichts bemerkt? Wo ich mich doch für einen der größten Wahrnehmungsgeier halte, dem angeblich nahezu Nichts entgeht? Eine Revolution nicht bemerkt. Ich? Revolution? […]
Es war passiert.
Was war geschehen?
Schlug zu meine Technikfeindlichkeit? Die uralten psychodramatischen Schul-Noten 4, 5 und 6 in Chemie, Mathe, Physik? Schlug zu Großvater Paul, der Kirchenmusiker, für den nach Bach die Musik aufhörte, Beethoven Bedrohung war? Oder war’s Vater, der zuschlug mit seiner Ideosynkrasie gegenüber dem Telefon?
Es war die reine Angst.
Der Computer war die bisher größte Bedrohung meines Lebens von außen. Wie Krieg. Fassungslos, als ich realisierte, was da auf meine Lebensbahn eingeschert war.“14

Die Realität holt wohl früher oder später jeden noch so vehementen Zauderer ein; man ist an dieser Stelle verleitet, darüber zu spekulieren, ob vielleicht auch Neil Postman irgendwann einen Computer benutzt hätte, hätte er lange genug gelebt.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass man erst dann richtig vor Gefahren warnen kann, wenn man auch eine Idee davon hat, ob diese Gefahren auch der Realität entsprechen können, im spezifischen Fall besser: der „realen Virtualität“.

1Postman, Neil: „Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert.“ Aus dem Amerikanischen von H. Jochen Bußmann. Berlin: BvT, 1999.

2Postman 1999. S. 70.

3Um die möglichen Ursachen dafür ranken sich vielfältige Theorien.

4Castells, Manuel: „Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft: Teil I der Trilogie. Das Informationszeitalter.“ Übersetzt von Reinhard Kößler. Opladen: Leske + Budrich, 2001.

5Cassirer, Ernst: „Was ist der Mensch? Versuch einer Philosophie der menschlichen Kultur.“ Stuttgart, 1960.

6Castells 2001. S. 425.

7Ebd.

8Ebd.

9„Multimedia“ weist auf den integrativen Charakter der digitalen Medien hin, die ihrer Anlage nach alle analogen Kommunikationsmedien in sich vereinen. „Text“ bedeutet hier also nicht nur Schrift, sondern die vereinigte Gesamtheit der Kommunikationsformen.

10Aus: Interview mit Neil Postman, geführt von Charlene Hunter Gault, „The MacNeil/Lehrer NewsHour“, PBS 1995. Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=49rcVQ1vFAY – Zugriff am 12.9.2008.

11Postman 1999. S. 63.

12Spahr, Angela: „Magische Kanäle. Marshall McLuhan.“ in: Kloock, Daniela; Spahr, Angela (Hg.): „Medientheorien. Eine Einführung.“ 3., aktualisierte Auflage 2007. Paderborn 2000. S. 70.

13Postman starb 2003; ob er in den Jahren vor seinem Tod seine persönliche Einstellung zu Computern und dem Internet geändert hat, bleibt zu bezweifeln.

14Roos, Peter: „Der Computer und ich“. In: Der Standard Album, Samstag, 6. September 2008. S. A1, A2.

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Appell an das Schulbildungswesen

„Die Muster der Produktion, Reproduktion und Distribution kultureller Inhalte haben sich vermutlich nie zuvor in der Geschichte so radikal und in so kurzer Zeit verändert, wie dies in den letzten Jahrzehnten geschehen ist. Die Strategien kultureller Vermittlung – und ihre pädagogischen Mittel, die Medienkompetenz aufbauen sollen – entsprechen dieser Veränderung definitiv noch nicht, allzu sehr sind sie noch den Mythen der Buchkultur (Michael Giesecke) verpflichtet.“1
Diese von Frank Hartmann geschilderte Situation soll hier als Ausgangspunkt für eine kurze Betrachtung darüber genutzt werden, wie digitale Medien die Art und Weise, wie in unserer Kultur Wissen vermittelt wird, beeinflussen, wobei insbesondere das Schulbildungswesen unter die Lupe genommen werden soll.

Während manche noch immer diskutieren, ob es nicht besser wäre, den Computer aus unseren Schulen zu verbannen, wird wertvolle Zeit und Energie vergeudet, die dringend in eine Diskussion investiert werden müsste, die klären sollte, wie man wohl unseren Kindern und Jugendlichen am besten einen Umgang mit diesem „Schreckgespenst neue Medien“ lehren könne – schließlich lässt es sich ohnehin nicht mehr austreiben.

Denn dass wir in einer sich schnell verändernden Welt mit ganz neuen medialen Voraussetzungen leben, mussten wohl bereits die konservativsten Zweifler akzeptieren – im allgemeinen Diskurs spricht man dabei von der „Informationsgesellschaft“.

Michael Giesecke plädiert für eine „kulturelle Informati[onstechni]k und die Fähigkeit, die Informationsgesellschaft als eine Phase in der Evolution der Kommunikation zu betrachten, die vor allem durch
– Synästhesie,
– Multimedialität,
– massive multiprozessorale Parallelverarbeitung von Informationen,
– rückkopplungsintensive Interaktion,
– dezentrale, flexible, globale Vernetzung,
– Selbstorganisation und -kontrolle
gekennzeichnet ist.“2

Eine „kulturelle Informatik“ soll also – im Gegensatz zur technischen – die kulturellen Voraussetzungen ergründen, welche unsere Informationsgesellschaft mit sich bringt.

In die Schule – eine der behäbigsten und konservativsten Institutionen unserer Gesellschaft – muss folgerichtig besonders viel Mühe investiert werden, um dem gerecht zu werden.

So wichtig – ja essenziell! – es ist, die Werte eines humanistisch-aufklärerischen Bildungsethos aus dem 19. Jahrhundert zu kennen und zu vermitteln, um zu verstehen, wo wir herkommen, so wichtig ist es auch, zu erkennen, dass dieses Ethos nicht nur aus dem 19. Jahrhundert kommt, sondern auch dort hin gehört.

Denn, um wieder mit Giesecke zu sprechen, unterscheidet sich die Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts von der alten Buchkultur unter anderem darin, dass in ihr „Die monomediale, sprachlich oder mathematisch normierte Darstellung von Wissen […] durch multimediale und assoziative Informationsdarstellungen ergänzt [wird].“3

Was das nun heißen kann, soll an einem Beispiel illustriert werden.

Dass sich Information von der sprachlichen auf die visuelle Ebene verlagert, also vom Geschriebenen zum Bild, Video, Computerspiel etc., wird in einem Theoriegebilde beschrieben, welches sich als „Iconic Turn“4 („Ikonische Wende“) bezeichnet.

Kinder und Jugendliche wachsen heute ganz natürlich in digitalen Bilderwelten wie z.B. Computerspielen auf, die ältere Generation ist davon ausgeschlossen und reagiert verunsichert und verständnislos. Kein Wunder, dass die heutigen LehrerInnengeneration sich überfordert fühlt.

Der deutsche Journalist Mark Terkessidis führt aus: „Statt Computerspiele regelmäßig zum Objekt einer moralischen Erregung zu machen, wäre es notwendig, den Kindern eine Art „popkulturelle Alphabetisierung“ zu ermöglichen, die ihnen den selbstbewussten Umgang mit den Spielen ermöglicht. Um dann jene Fertigkeiten weiter zu fördern, die das Spielen mit dem Computer hervorbringt – Lesekompetenz in Sachen Bilder, Vertrautheit mit technischen Details, Geschicklichkeit und Koordination.“5
Bilder verstehen und interpretieren zu lernen, in ihnen kulturelle Codes identifizieren zu können ist somit eine der neue Schlüsselqualifikation, die es den Menschen ermöglicht, nicht im Dschungel der Bilderflut unterzugehen und sich in der Unzahl an Medienkanälen zu verlieren.

Der österreichische Journalist Ernst Schmiederer erläutert, „dass die Sozialisierung und Prägung durch eine große Anzahl an Kanälen und Medien heutzutage kein Nachteil ist, sondern eine Stärke, eine Vorbereitung also fürs weitere Leben.“6

Neue Medien erfordern auch eine neue Art von Kritikfähigkeit an ihnen, denn die Notwendigkeit, die Dinge zu hinterfragen, hat sich seit der Aufklärung nicht geändert.

Es geht also um neue Formen des Wissens, denen alte Formen der Wissensvermittlung nicht mehr gerecht werden können, die aber nicht nur nicht wegzuleugnen sind, sondern immer immanenter werden, je länger die Verantwortlichen in diversen Bildungsinstitutionen sie ignorieren.

Berührungsängste mit dem Neuen sind ein durchgängiges Verhaltensmuster in der Geschichte der Entwicklung menschlicher Kulturen. Die „alte“ Generation steht nun also vor der dringlichen Aufgabe, diese Angst zu überwinden, weil das der einzige Weg sein wird, ein graduelles Versagen des Bildungssystems zu verhindern, das aktuell eine Generation beheimatet, welche die neuen Medienrealitäten bereits unwiderruflich inkorporiert hat.

Somit geht es nicht nur darum, was gelehrt wird, sondern auch wie gelehrt wird: „Die „populäre“ Kultur – ein Netzwerk von Versammlungsorten, Stilcodes und Vergnügungsformen – könnte man durchaus als einen Lernzusammenhang begreifen, in dem alternative Formen von Wissen weitergegeben werden.“7

Oder allgemeiner, wie Michael Giesecke ausführt: „Der Versuch, den Idealen der Buchkultur im 21. Jahrhundert ihren angestammten Platz zu erhalten, vorhandene Strukturen duch Digitalisierung, E-Learning und elektronische Vernetzung zu optimieren, scheint unvermeidbar, aber lenkt von den eigentlichen Potentialen der neuen Medien eher ab. Erforderlich ist ein grundsätzlich neues Verständnis von Kommunikation, Wissen und Informationsverarbeitung.“8

Deshalb: Keine Angst vor dem scheinbar Trivialen! Alternative Wissensbestände und informelle Wissenszusammenhänge dürfen nicht länger aus der Institution Schule verbannt bleiben, eignet euch Wissen über Wissen an!

Oder, um in der Diktion eines der alten Aufklärer zu sprechen: Tretet heraus aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit und steigt tapfer in den Diskurs um ein zeitgemäßes Bildungssystem ein!

1Hartmann, Frank: „Multimedia.“ 1. Aufl., Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG, 2008, S. 112.

2Giesecke, Michael: „Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft. Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie.“ 1. Aufl., Orig.-Ausg. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002, S. 17-18.

3Ebd., S. 17.

4Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Iconic_turn

5Terkessidis, Mark: „Was wollen wir wissen?“ (Kommentar). In: taz vom 26.5.2007, S. 20-21. Eine „popkulturelle Alphabetisierung“ bezieht sich natürlich auch auf andere Bereiche, wie Musik, Filme, Comics, Fernsehserien etc.

6Schmiederer, Ernst: „Viele Bilder, gute Spiele.“ In: thegap. Magazin für Popkultur. No. 090, Oktober 2008, S. 40.

7Terkessidis 2007.

8Giesecke, Michael: „Die Entdeckung der kommunikativen Welt. Studien zur vergleichenden Mediengeschichte.“ Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007, S. 481.

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